Reh

Reh (Capreolus capreolus)

Klasse Säugetiere (Mammalia)
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Familie:
Hirsche (Cervidae)

Autor: Dr. Stephan Roscher
Mail: docstephan@aol.com
Website: http://www.stephanroscher.de

Dokument: SR 00007

► mehr Säugetiere


Capreolus capreolus, auch als Europäisches Reh bezeichnet, ist die kleinste und häufigste Hirschart unseres Kontinents. Sie ist auch in Deutschland weit verbreitet. Man findet die Tiere im nördlichen Eurasien sowie im Osten bis Tibet, China und Korea. Im Hohen Norden freilich ist Capreolus capreolus nicht vertreten. Das größere und mit einem kräftigeren Geweih ausgestattete Sibirische Reh (Capreolus pygargus) wird wissenschaftlich als eigene Art geführt.

Wälder mit vielfältigem Unterwuchs und Lichtungen sowie Wiesen und Felder bezeichnen den Lebensraum der eleganten, flinken Tiere. Im Gebirge dringt das Reh bis zur Baumgrenze vor. Rehe sind Vegetarier und ernähren sich von Blättern, Trieben, Gräsern, Kräutern, Feldfrüchten, Eicheln, Bucheckern, Pilzen und Beeren.

Reh im Lauf

Der Kulturfolger lebt vorwiegend dämmerungsaktiv, einzeln, paarweise oder im Familienverband. Letzterer wird als Sprung bezeichnet und besteht im Regelfall aus mehreren Geißen (Ricken) und ihrem Nachwuchs. Größere Sprünge sind im Herbst und Winter auf den Feldern zu beobachten. Außerhalb der Brunft leben die Böcke als Einzelgänger mit ausgeprägtem Territorialverhalten, die regelmäßig ihre Duftmarken setzen.

Ausgewachsene männliche Tiere erreichen ein Lebendgewicht von bis zu 30 Kilo. Rehe weisen eine Kopfrumpflänge von 100 bis 140 und eine Schulterhöhe von 60 bis 90 Zentimetern auf. Die Lebenserwartung beträgt bis zu 15 Jahre.

Am Hinterteil befindet sich ein heller Fleck, der Spiegel genannt wird. Der Spiegel ist im Winter weiß, im Sommer leicht gelblich. Die unbehaarte Schnauze ist schwarz, seitlich sind weiße Lippenflecke zu beobachten. Das Sommerfell ist dünner und farbenfroher und weist eine gelblich-rote Grundfärbung auf, während das eher unscheinbare Winterkleid graubraun ist. Im April/Mai sowie im September/Oktober finden die Haarwechsel statt. Im Herbst, üblicherweise im Oktober oder November, wirft der Bock sein Gehörn aus Knochensubstanz ab, das rasch neu zu wachsen beginnt. Ein voll entwickeltes Geweih weist drei bis vier Enden auf. Das häufige Reiben des Gehörns an Bäumen im Frühjahr dient der Entfernung der Nährhaut (Bast) sowie auch der Reviermarkierung. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Fegezeit.

Der Unterkiefer gewährt Aufschluß über das Geschlecht, da Grat und Winkelfortsatz beim männlichen Reh deutlich stärker ausgebildet sind als beim weiblichen Tier.

Die Tragzeit ist erstaunlich lang und beträgt etwa 40 Wochen. Im Mai und Juni erblicken die Jungen das Licht der Welt. Ein normaler Wurf besteht aus ein bis höchstens zwei Kitzen, die zwei bis drei Monate gesäugt werden. Rehkitze sind besonders hübsch anzusehen aufgrund ihres gefleckten Tarnkleides, mit dem sie sich der Umgebung anpassen. Die weißen Tupfen verschwinden aber bis zum Herbst. Gegen Ende des ersten Lebensjahres sind die Tiere selbständig, die Geschlechtsreife erfolgt im zweiten Jahr. Wie auch bei anderen Bewohnern deckungsreicher Gebiete sind beim Reh Gehör- und Geruchssinn extrem gut ausgebildet, während das Sehvermögen eingeschränkt ist. Rehe nehmen optisch in erster Linie starke Hell-Dunkel-Kontraste und Bewegungen wahr. Die Tiere sind keineswegs stumm, auch wenn wir sie eher selten hören. Die Laute der Ricken lassen sich als Fiepen charakterisieren, während die Böcke in der Brunftzeit (Juli/August) sogar zu einem kurzen, kräftigen Bellen fähig sind. Wer diese markanten Laute erstmalig vernimmt, vermutet als Urheber nicht selten zunächst einen Hund.

In den kälteren Jahreszeiten schließen sich die Tiere, wie bereits erwähnt, zu größeren Rehfamilien zusammen, die sich spätestens zu Frühjahrsbeginn nach und nach auflösen. Die scheuen Tiere werden dann wieder zu Einzelgängern. In der Wetterau etwa, zwischen den Dörfern Dorheim und Melbach in der Nähe von Friedberg, kann man Jahr für Jahr zwischen Ende November und Anfang April in einem großen Talkessel und an den ihn umgebenden

Hängen mehr als 100 Rehe beobachten. Tagsüber splitten sie sich zumeist in drei Großgruppen von je etwa 35 Tieren auf, die sich über das großflächige Areal verteilen. In den frühen Abendstunden vereinigen sie sich oft zu einem einzigen riesigen Sprung, ein wahrlich gigantischer Anblick. In den Großgruppen scheint eine feste Struktur mit Aufgabenteilung vorzuherrschen. Einzelne Tiere an den Rändern sondieren ständig das Terrain und geben den ruhenden und äsenden Rehen im Zentrum unverzüglich Warnsignale, wenn Gefahr droht.

Das Reh unterliegt als sogenanntes Schalenwild dem Jagdrecht. Rehe spielen seit alters her eine große Rolle in der Jagd und als Faktor der menschlichen Ernährung. Der Kulturfolger Capreolus capreolus ist freilich auch eine der elegantesten, anmutigsten heimischen Tierarten. Aus seiner Beobachtung in der Naturlandschaft können wir vieles zum Thema Verhaltensforschung lernen. Rehe lediglich als Jagdobjekte zu betrachten, wäre eine engstirnige Sichtweise und würde diesen scheuen, feinnervigen und wieselflinken Wildtieren mitnichten gerecht.

Literatur
Ferdinand von Raesfeld, A. H. Neuhaus, K. Schaich: Das Rehwild, Hamburg - Berlin 1985;
Fred Kurt: Das Reh in der Kulturlandschaft. Ökologie, Sozialverhalten, Jagd und Hege, Stuttgart 2 2002.



Alle gezeigten Texte und Bilder unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Eine Kopie oder Nutzung ausserhalb des Natur-lexikon.com ist nur nach ausdrücklicher Genehmigung des Autors / Fotografen gestattet. Eine Einbindung der Bilder in fremde Webseiten ist grundsätzlich nicht gestattet. Die gezeigten Inhalte dienen der Weiterbildung.

Reh

Natur-Lexikon.com