Pappelbock

Großer Pappelbock (Saperda carcharias)

Stamm: Gliedertiere (Arthropoda)
Klasse: Insekten (Insecta)
Ordnung:
Käfer (Coleoptera)
Familie:
Bockkäfer (Cerambycidae)

Autor: Dr. Stephan Roscher
Mail: docstephan@aol.com
Website: http://www.stephanroscher.de

Dokument: SR 00006

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Dieser leicht skurril anmutende, an ein hölzernes Spielzeugtier erinnernde Käfer erreicht eine Länge von 20 bis 23 mm - in Ausnahmefällen bis zu 30 mm - und weist imposante Fühler auf. Zwischen Juni und September kann man den Bockkäfer an Waldrändern, in Auwäldern und Pappelanpflanzungen antreffen. Eine gewisse Affinität zu jungen, frischen Pappelkulturen scheint zu bestehen, wenngleich nicht alle Autoren diese Einschätzung teilen. Dabei suchen die Tiere nicht selten die Nähe von Fluß- und Bachufern, wo sie nicht gerade gehäuft auftreten, gebietsweise aber auch nicht unbedingt selten sind. Mit Ausnahme des tiefen Südens kann man ihnen mit etwas Glück in nahezu ganz Europa begegnen.

Ungeachtet ihrer Größe sind die Käfer von eher schmaler Gestalt, weisen aber verhältnismäßig kräftige Beine auf. Ihre überaus langen Fühler sind schwarz geringelt, die Flügeldecken mit groben, Kopf- und Halsschild mit kleinen schwarzen Punkten versehen. Die feine Behaarung dazwischen ist ziemlich dicht und gleichmäßig gelbbraun bis grau. Jede Flügeldecke endet in einer kleinen, zähnchenförmigen Spitze.

großer Pappelbock

Ernst Hofmann, Kustos am Königlichen Naturalienkabinett in Stuttgart, beschrieb 1883 in seinem „Käfersammler“ Saperda carcharias so: „Grau oder bräunlich gelb befilzt. Männchen bedeutender nach hinten verengt. Häufig an lebenden Pappeln und Weiden.“ Dabei verlieh Hofmann ihm den leicht verwirrenden deutschen Namen „Espen- oder Hundsbock“ - die Bezeichnung Espenbock wird heute ausschließlich für den Kleinen Pappelbock (Saperda populnea) verwendet.


Die in der Abenddämmerung aktiven Käfer schwärmen nach Sonnenuntergang vornehmlich im Kronenbereich von Pappeln. Gelegentlich, vorzugsweise an warmen Sommerabenden, kann man sie tatsächlich um die Pappelkronen schwirren sehen. Auch künstliche Lichtquellen werden von den Tieren dann regelmäßig angeflogen.

Pappelbock auf Blatt

Zur Eiablage nagt das Weibchen Querfurchen in die Rinde des Pappelstammes. Die Anwesenheit der Käfer erkennt man an den mehr oder weniger großen Löchern mit gezacktem Rand, die sie anschließend in die Rinde fressen und in denen jeweils ein Ei abgelegt wird. Zur Eiablage werden auch Espen (Zitterpappeln) oder Weiden akzeptiert. Die im Juli abgelegten Eier überwintern. Die im nächsten Frühjahr schlüpfenden Larven, die die gigantische Größe von 4 cm erreichen können, begeben sich rasch tiefer ins Holz hinein und fressen dort immer breiter werdende Gänge heraus. „Befallene“ Bäume sind auch am Fraßmehl zu erkennen, das an den Auswurflöchern austritt.

Dazu die minuziöse Beschreibung Ernst Ludwig Taschenbergs im 9. Band der 2. Auflage von „Brehms-Tierleben“ von 1884: „Das befruchtete Weibchen legt seine Eier möglichst tief in die Rindenrisse unten am Fusse des Stammes, und die jenen entschlüpften Larven fressen im ersten Jahre unter der Rinde ihre Gänge. Nach der Ueberwinterung dringen sie durch das Holz ein und steigen in demselben in gerader Richtung aufwärts. Die langen Bohrspäne werden durch ein Loch ausgestoßen und verrathen leicht die Gegenwart des Einwohners. … Nach der zweiten Ueberwinterung ist die fußlose, auf dem Rücken der Glieder gefelderte Larve erwachsen, verpuppt sich hinter dem mit Bohrspänen verstopften Ausgange, und nach wenigen Wochen der Puppenruhe kommt der Käfer zum Vorscheine.“

Früher hat man den Großen Pappelbock gerne als Schädling klassifiziert: „Wo derselbe in größeren Mengen vorkommt, wird er den jungen Pappelanpflanzungen an den Landstraßen, auf Angern etc. entschieden nachtheilig. … Alte nur von einzelnen Larven bewohnte Stämme überwinden den Fraß, da jedoch der Käfer seine Brutplätze immer wieder von neuem zu benutzen pflegt, so werden auch solche mit der Zeit zu Grunde gerichtet“ (Taschenberg 1884).

Heute geht man gottlob mit derartigen Etiketten zurückhaltender um, zumal wirtschaftliche Bedeutung und industrielle Nutzung der Pappel stark zurückgegangen sind. Pappeln wurden nämlich früher bevorzugt zur Papier- und vor allem Streichholzproduktion genutzt und vermehrt nach dem Zweiten Weltkrieg als "Kleinbauernrente" in Form von Hybridpappeln angepflanzt. Geringere Nachfrage und vergrößertes Angebot haben im Lauf der Zeit zur deutlichen Wertminderung beigetragen. In den 60er bis 80er Jahren hatte die Pappel bei uns zwar nochmals eine kleine Renaissance erlebt, als sie vermehrt auf Rekultivierungsflächen in der Braunkohlefolgelandschaft zur Bodenverbesserung angepflanzt worden war, jedoch wird dies aus ästhetischen und ökologischen Gründen längst nicht mehr praktiziert.

Wir sollten den imposanten Käfer nunmehr einfach als einen äußerst interessanten Vertreter der Familie der Cerambyciden ansehen, der gottlob nicht vom Aussterben bedroht ist und lediglich noch geringen Schaden anzurichten vermag.



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