Kaninchen

Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus)

Klasse Säugetiere (Mammalia)
Familie: Hasenartige (Leporidae)

Autor: Dr. Stephan Roscher
Mail: docstephan@aol.com
Website: http://www.stephanroscher.de

Dokument: SR 00002

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Fotos: Matthias Zimmermann

Das Wildkaninchen gehört wie der Feldhase zur Familie der Hasenartigen, ohne dass man von einer ganz engen Verwandtschaft sprechen könnte. Allerdings werfen gar nicht so wenige Zeitgenossen Hase und Kaninchen munter durcheinander.

Der Rücken des Kaninchens hat eine graue bis graubraune Färbung und der Bauch ist weiß. Es kann eine Körperlänge von 35 bis 45 cm erreichen und ist somit kleiner als der Hase, der es auf bis zu 70 cm bringt und stolze 5 Kilo wiegt. Kaninchen werden lediglich 1,7 bis 2,5 Kilo schwer. Ein Feldhase wird, sofern der Jäger nichts dagegen hat, in unseren Breiten durchschnittlich 10 bis 12 Jahre alt, während Kaninchen nicht annähernd eine solche Lebensdauer erreichen.

Wild-Kaninchen


Kaninchen sind deutlich vermehrungsfreudiger als ihre langohrigen "Kumpane" auf den Feldern und Äckern, was sich in 4 bis 6 Würfen in den Monaten Februar bis Juli niederschlägt. Durchschnittlich erbringen sie 4 bis 5 Junge - ein Spitzenwurf kann freilich schon einmal 15 umfassen. 25 bis 30 Jungtiere im Jahr sind für ein Kaninchenweibchen Normalität. Feldhasen reproduzieren sich dagegen bei lediglich 3 bis 4 Würfen mit jeweils 2 bis 4 sehenden, behaarten und fast lauffähigen Jungen (Nestflüchter) sehr viel zurückhaltender.

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Die kleinen Wildkaninchen freilich sind Nesthocker, die blind, nackt und zahnlos nach einmonatiger Tragzeit des Weibchens zur Welt kommen und nur geschützt sind, solange sie in ihren Nestern bleiben. Nach 10 Tagen können die Jungen sehen und 8 Tage später kommen sie erstmals zum Spielen aus ihrem Bau. Gesäugt werden sie drei Wochen lang und selbständig etwa mit 4 bis 5 Wochen. Mit 3 bis 4 Monaten erlangen Kaninchen bereits die Geschlechtsreife.

Die Augen sitzen seitlich am Kopf. Sie gewährleisten eine vorzügliche Rundumsicht. Da die Pupillen sich nicht verengen können, schätzen die Tiere kein grelles Licht. Die Nase ist sehr gut entwickelt. Die mit einer beweglichen Hautfalte bedeckten Nüstern sind immer in Bewegung (Nasenblinzeln) und ziehen immer neue Luft mit den entsprechenden Geruchspartikeln ein. Kaninchen benutzen ihre Nase zur Nahrungssuche, aber auch um Freund und Feind auseinander zu halten. Das Gehör ist überdurchschnittlich gut entwickelt, die trichterförmigen Löffel sind geeignet, leiseste Töne wahrzunehmen. Auf und neben der gespaltenen Oberlippe, der „Hasenscharte“, sitzen beim Kaninchen die Tast- bzw. Sinneshaare. Markierungen setzt es mit der Duftdrüse unter der Zunge, der Afterdrüse oder - wie es die Rammler praktizieren - durch Harn. Kaninchen trommeln übrigens mit den Hinterläufen auf die Erde, um bei Gefahr Alarm zu schlagen.

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Das Kaninchen ist ein grabendes Tier, das sich in "abschnellendem" Hüpfen fortbewegt, der Hase hingegen eindeutig ein Lauftier. Beim Wildkaninchen sind nicht bloß Augen und Ohren kleiner als beim Hasen, sondern auch - ein ganz wichtiges Merkmal - die Beine kürzer. Die Hinterläufe sind nur wenig länger als die Vorderläufe, während der Hase hinten beträchtlich verlängerte und im Oberschenkelansatz stärker gebogene Läufe aufweist. Demzufolge ist der Hase dem Kaninchen an Schnelligkeit überlegen, an Wendigkeit freilich unterlegen. So hätten die Gebrüder Grimm ihrer Fabel vom Hasen und Igel durchaus mit Berechtigung auch eine Episode von einem Wettstreit zwischen Hase und Kaninchen anfügen können, bei dem letzteres, trotz deutlich geringerer Ausdauer, gute Siegchancen gehabt hätte.

Kaninchen leben in oft 30 und mehr Individuen umfassenden Gemeinschaften zusammen, die einer strengen Rangordnung unterliegen. Ein in der Hierarchie hoch angesiedeltes Weibchen etwa bringt öfter als andere Artgenossinnen Junge zur Welt. Es scheint, als solle ihr Genmaterial bevorzugt weitergegeben werden.

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Das Wildkaninchen ist in Gebieten mit lockerem Pflanzenbestand und sandigen Böden zu finden, wo es in selbst gegrabenen Erdhöhlen lebt. Die dämmerungsaktiven Tiere kommen in Parks, Städten, Gärten und an Waldrändern vor. Ursprünglich stammen sie aus dem Mittelmeerraum. Urheimat des Kaninchens sind nämlich die Iberische Halbinsel und Teile Nordafrikas.

Die munteren Säuger ernähren sich von Gräsern, Kräutern und Knospen, im Winter sogar von Holzrinden. Sie machen sich prinzipiell an fast alles heran, was grün und pflanzlich ist. Viele Gartenbesitzer reagieren erzürnt, wenn ihre frischen Setzlinge den stets hungrigen „Hoppelmännern“ zum Opfer gefallen sind. Andererseits entschädigt der nette Anblick der possierlichen Karnickel, Stammform unserer Hauskaninchen, doch für manchen Verlust an Grünzeug.

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Durch seine schnelle Vermehrung kann das putzige und selbst in der adulten Form so richtig dem "Kindchenschema" entsprechende Kaninchen schon zur Plage werden, wenngleich dies gerade bei uns bisweilen dramatisiert wird. Das bekannteste Beispiel für eine atemberaubende Ausbreitung ist übrigens Australien: im Jahr 1859 waren erstmalig zwei Dutzend europäische Wildkaninchen nach Australien importiert worden, aus denen in knapp 100 Jahren mehrere Milliarden wurden, die sich über den gesamten Kontinent ausgebreitet hatten. Diese Überpopulation wurde in erster Linie durch das Fehlen natürlicher Feinde begünstigt, aber auch durch das Vorfinden idealer Lebensbedingungen. Zunächst als Fleisch- und Fellproduzenten gerne gesehen, verursachten die Kaninchen alsbald erhebliche wirtschaftliche Schäden, indem sie kostbares Weideland abästen und dieses verödete. Schließlich brachten sie die australische Fauna in Bedrängnis, da sie zahlreichen heimischen Tieren die Futtergrundlage entzogen. Die Jagd und das einzige größere Raubtier, der Dingo, konnten der Kaninchenschar kaum Herr werden

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Hierzulande gibt es genügend natürliche Feinde des wilden Kaninchens wie Marder, Wiesel, Iltis, Fuchs sowie Eulen und Greifvögel. Leider zählt auch der Mensch dazu. Ihrem Bestand wirklich gefährlich werden jedoch seuchenartig auftretende Krankheiten wie die Myxomatose (auch Kaninchenpest) oder RHD (Rabbit Haemorrhagic Disease). Gerade die Myxomatose, jene meist tödlich verlaufende Viruskrankheit der Kaninchen, die mit eitriger Augenentzündung und Anschwellung der natürlichen Körperöffnungen einhergeht, dezimiert die Bestände bisweilen drastisch. Hasen werden übrigens nicht befallen. In Australien wurden die Tiere in den 50er-Jahren sogar gezielt mit Myxomatose-Viren bekämpft. Zwischen 1952 und 1955 gingen dadurch 99 Prozent der australischen Kaninchen qualvoll zugrunde.

Auch wenn Wildkaninchen bei uns wirklich keine Lobby besitzen und wenig feinfühlige Zeitgenossen gerne über ihren Abschuß schwadronieren, werden sie von den Menschen, besonders von Kindern, instinktiv als erfreulicher Anblick empfunden. Und wenn sich neuerdings Jagdverbände mit der düsteren Feststellung zu Wort melden, die Zahl der Kaninchen und Hasen ginge in Deutschland drastisch zurück, da insgesamt „nur“ noch etwa 200.000 Tiere jährlich erlegt werden könnten, ist diesen entgegenzuhalten, dass es kein besseres Argument gibt, der sinnlosen Hatz ein Ende zu bereiten.

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Es gibt in Europa längst keine existenziellen Zwänge mehr, Kaninchen lediglich nach ihrem wirtschaftlichen und kulinarischen Nutzen zu beurteilen. Wir leben nicht mehr in den Zeiten eines Conrad Gesner, der vor rund 450 Jahren die damals bekannte Tierwelt beschrieb und in seinem „Thier-Buch“ über das „Carnickel“ meinte: „So fruchtbar hat Gott diß Thier erschaffen/damit es dem Menschen eine besondere/angenehme/und schleckerhafftige Speiß seyn sollte“ (hier zitiert nach der Ausgabe Frankfurt/M 1669, S. 175).

Tatsächlich ist im Augenblick ein gewisser Rückgang der Kaninchenzahlen festzustellen, da sich die Tiere - bei aller Reproduktionsfreudigkeit - offenbar doch nicht unbegrenzt „wie die Karnickel“ vermehren und nach Krankheitsperioden eben nicht ohne weiteres wieder zur alten Populationsstärke gelangen. Sie wandern nur widerwillig und zahlreiche Unterschlüpfe und Bauten der durch Seuchen ausgerotteten Kaninchen-Gemeinschaften bleiben leer. Im übrigen tun sich auch Sippen, deren Reviere von Baggern und Pflugscharen zerstört wurden, schwer damit, in neue Domizile umzusiedeln.


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Begreifen wir die niedlichen Säuger als einen wichtigen Teil unserer heimischen Tierwelt, den es - wie alle anderen auch - unbedingt zu erhalten gilt. Im Zuge des allgemeinen Wunsches nach einer intakten Umwelt sollte der Mensch auch bestrebt sein, die Lebensräume und Biotope der Wildkaninchen zu bewahren.



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