Wolf

Wolf (Canis lupus)

Klasse Säugetiere (Mammalia)
Ordnung Raubtiere (Carnivora)
Familie: Hundeartige (Canidae)
Gattung: Echte Hunde (Canis)

Autor: Dr. Stephan Roscher
Mail: docstephan@aol.com
Website: http://www.stephanroscher.de

Dokument: SR 00001

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Um kaum ein Tier ranken sich so viele Mythen und Legenden wie um den Wolf. Das meiste davon hält einer nüchternen Betrachtungsweise nicht stand. Es gab Zeiten, in denen der Wolf das am weitesten verbreitete Säugetier der Welt war. Die menschliche Phantasie beschäftigte er stets, was zu zweifelhaften Ergebnissen führte. So wurde er zur heimtückischen Bestie, zum Tier des Blutes und der Dunkelheit gemacht und gab eine nur allzu dankbare Projektionsfläche für Ängste und Haß ab. Im „Rotkäppchen“ erscheint der Wolf wie in zahlreichen anderen literarische Quellen als böses, fressgieriges Tier, vor dem man sich unbedingt hüten müsse.

Wolf frisst

Der Versuch, sich unter dem Aspekt der Verhaltensforschung mit dem Wolf differenziert auseinanderzusetzen, entstammt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also einer Zeit, in der Wölfe bei uns schon musealen Charakter hatten und den Menschen nur noch in Zoologischen Gärten begegneten. Allerdings hatten einzelne Gelehrte schon vor 150 Jahren zumindest vorsichtig angedeutet, dass der Wolf nicht bloß das reine Prinzip des „Bösen“ verkörpere.

So kann man in Franz Kottenkamps „Illustrierter Naturgeschichte der drei Reiche“ aus dem Jahr 1852 folgendes nachlesen: „Der sanfte Charakter eingeschlossener Wölfe dauert fort, nachdem sie ausgewachsen sind; meist scheinen sie Furcht anstatt der Liebe zum Menschen zu erlangen; die Furcht offenbart sich in einer mürrischen und rachsüchtigen Ungeduld. Die feige Wildheit im Charakter des Wolfes wird durch Zucht nur mit Schwierigkeit gemindert; man darf ihm niemals vertrauen. Dennoch hat man Beispiele, daß Wölfe in solcher Ausdehnung gezähmt wurden, daß sie die größte Anhänglichkeit an den Menschen zeigten.“ (Bd.1, Stuttgart 1852, S.73).

Der Hollywood-Erfolg „Der mit dem Wolf tanzt“ mit Kevin Costner setzte dem Wolf 1990 ein filmisches Denkmal und präsentierte ihn in einer naturromantischen Sichtweise als ein letztes Sinnbild der Freiheit in der untergehenden Welt des alten amerikanischen Westens. Jahrhundertelang freilich war er planmäßig mit dem Ziel der Ausrottung verfolgt worden. Die menschliche Rivalität zum Wolf resultierte nicht zuletzt auf dem Umstand, dass er mit uns stets um die gleichen Beutetiere konkurrierte.

Wolf Nahaufnahme

Vom Kopf bis zum Rumpf misst der Wolf 100 bis 150 Zentimeter bei einem Gewicht von 25 bis 70 Kilo und einer Länge des buschigen Schwanzes von 30 bis 50 Zentimetern. Die Tragezeit beläuft sich auf 61 bis 63 Tage, im April oder Mai werden in der Regel zwischen vier und neun Jungtiere geboren, die ein Gewicht zwischen 300 und 500 Gramm aufweisen. Bis zu neun Wochen saugen diese an ihrer Mutter und werden mit zwei bis drei Jahren - manche Tiere auch schon früher - geschlechtsreif. Wölfe können ein Lebensalter von bis zu 20 Jahren erreichen, die männlichen Tiere sind von größerer und kräftigerer Statur als die Weibchen. Das vielfach graue Wolfsfell mit hellbraunen Tönen ist oberseitig dunkler und unterseitig heller gefärbt. Es gibt freilich zahlreiche Unterarten, Farbschläge und Farbvarianten, die das gesamte Spektrum von weiß bis schwarz abdecken. Schräggestellte Augen und höhere Läufe sowie generell die etwas kräftigere Statur unterscheiden den Wolf von dem ihm nicht unähnlichen Schäferhund. Überhaupt stellt der Wolf die Haupt- oder Stammform der Haushunde dar. Der Schädel weist eine flachere Stirn auf als bei den letzteren. Auch in der Formung der Zähne gibt es deutliche Unterschiede. Durch die recht eng gestellten Beine ergibt sich der charakteristische, „schnürende“ Lauf des Wolfs.


Freilebende Wölfe findet man einzeln oder im Familienverband, im Winter in Rudeln. Sie ernähren sich von Huftieren, Haustieren, Kleinsäugern, Bibern, Vögeln, aber auch von Abfällen. Man bezeichnet sie als Hetzjäger, da sie im Rudel Tiere angreifen, die wesentlich größer sind als sie selbst.

In Mitteleuropa ist der Wolf praktisch ausgerottet und sickert allenfalls bisweilen aus dem Osten in Grenzregionen und Grenzwälder ein. Rund ein Drittel aller europäischen Wölfe lebt in den rumänischen Karpaten. Dort zieht es die Tiere sogar zunehmend in die Städte und Dörfer, wo sie nachts häufig durch die Straßen und Wohnblocks auf der Suche nach Nahrung streifen. Zoologen halten die in diesen Regionen zu beobachtende Tendenz des Wolfs zum Kulturfolger für bedenklich, zumal das Aufeinandertreffen mit der menschlichen Zivilisation oft tragisch für die Tiere endet.

Wolf im Wald

Die Struktur des Wolfsrudels fasziniert die Zoologen und Verhaltensforscher immer wieder aufs Neue. In der streng hierarchisch gegliederten Wolfsgemeinschaft dominieren zwei erfahrene Alpha-Tiere, Männchen und Weibchen, die an der Spitze der Rangordnung stehen, die Ordnung im Rudel garantieren sowie die Verantwortung und das Risiko tragen. Machtdemonstrationen und kleinere Rangeleien mit ihren Nachkommen bzw. den im Rang hinter ihnen angesiedelten Tieren zählen zum Alltag in der Gruppe und tragen zur Klärung der Verhältnisse bei. Diese eindeutige Struktur wiederum stabilisiert die Wolfsgesellschaft und ermöglicht es dieser, unter Führung der sich das Recht auf Fortpflanzung vorbehaltenden Alpha-Tiere, Reviere auszuwählen, die Jagd zu organisieren, das Futter angemessen zu verteilen und die Jungtiere zu beschützen.

Der Schutz des Wolfes, dessen Natur wir allmählich besser zu verstehen lernen, ist eine lohnenswerte Aufgabe im Sinne der Versöhnung des Menschen mit der Schöpfung. Wir haben entdeckt, daß die große Reviere beanspruchenden, freiheitsliebenden Tiere über eine erstaunliche Leistungsfähigkeit und hoch entwickelte Sinnesorgane verfügen sowie ein ausgeprägtes Sozialverhalten an den Tag legen. Dabei erweist sich die Wolfsgemeinschaft in manchem sogar als Spiegelbild der menschlichen Gesellschaft, sind auch in ihr Werte wie Intelligenz, Lernfähigkeit, Loyalität, Überlebenskraft sowie Tradition von entscheidender Bedeutung. Wenn wir das Wesen des Wolfs erforschen, können wir dabei stets auch etwas über unsere eigene genetische und ethologische Herkunft erfahren. Die Erhaltung der letzten Rückzugsgebiete des Wolfs muß von uns als eine der großen Aufgaben des Tier- und Naturschutzes zu Beginn des 21. Jahrhunderts begriffen werden.

Literaturtipp:
Erik Zimen, Der Wolf. Verhalten, Ökologie und Mythos, München 1997.



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