Biber

Europäischer Biber (Castor fiber)

Klasse Säugetiere (Mammalia)
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Familie: Biberartige (Castoridae)

Autor: Michael Leps
Mail:
michael.leps@natur-lexikon.com

Dokument: ML 00002

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1. Systematische Einordnung:
Reich Animalis Tierreich
Unterreich Metazoa Vielzeller
Abteilung Bilateria Doppelseitige
Unterabteilung Deuerostomia Neumundtiere
Stamm Chordata Chordatiere
Unterstamm Vertebrata Wirbeltiere
Überklasse Gnathostomata Kiefertiere
Klasse Mammalia Säugetiere
Ordnung Rodentia Nagetiere
Unterordnung Sciuromorpha Hörnchenverwandte
Familie Castoridae Biberartige
Gattung Castor Biber
Art Castor fiber Europäischer Biber

2. Allgemeine Kennzeichen:
Gewicht: 17-35kg
Körperlänge: 80-100cm
Schwanzlänge: 30-35cm
Hinterfußlänge: 17-20cm
Ohrlänge: 3-4cm
Condylobasallänge: 12,5-15cm

Der Europäische Biber, im Volksmund auch manchmal „Meister Bockert“ genannt, ist das größte einheimische Nagetier und hat einen gedrungenen Körperbau. Charakteristisch sind seine ständig nachwachsenden und mit einer dicken orangeroten Schmelzschicht versehenen Nagezähne, die 3,5cm lang und 8mm breit werden können, sowie der abgeflachte haarlose aber beschuppte und etwa handtellerbreite Schwanz, der auch als „Kelle“ bezeichnet wird. Die Vorderbeine können geschickt wie Hände benutzt werden. Zwischen den Zehen der Hinterfüße befinden sich als Anpassung an das Leben im Wasser Schwimmhäute. Die zweite Zehe der Hinterfüße ist mit einer Doppelkralle zum Striegeln des Felles ausgestattet („Putzkralle“). Der Biber ist durch eine dicke wasserabweisende und farblich hellbraune bis braunschwarze Fellschicht vor Auskühlung und Feuchtigkeit bestens geschützt. Die Bauchseite ist mit einer Dichte von 23.000 Haaren pro Quadratzentimeter dabei viel stärker als die Rückenseite mit etwa 12.000/cm2 behaart. Zum Vergleich: ein Mensch besitzt nur etwa 300 Haare auf dieser fingernagelgroßen Fläche. Die Ohren und die Nasenlöcher des Bibers sind zum Schutz vor Wassereintritt beim Tauchen verschließbar. Die Augen sind beim Tauchgang durch eine vorschiebbare, hauchdünne und transparente „Nickhaut“ unter Wasser geschützt. Bei den adulten Bibern sind die Weibchen eine Spur größer und auch etwas schwerer als die Männchen. Beim Schwimmen ragt nur der Kopf des Bibers aus dem Wasser. Dies ist ein wichtiges Erkennungsmerkmal zur Unterscheidung von Bisam und Nutria, bei denen Kopf und Rücken aus dem Wasser ragen.

Neben dem Europäischen Biber (Castor fiber) gehört zur Gattung der Biber noch der Kanadische Biber (Castor canadensis), der jedoch ursprünglich nur in Nordamerika heimisch ist und eine rötlichbraune Färbung besitzt. Im Laufe der Wiedereinbürgerung zur Stabilisierung des Bestandes sind jedoch in Europa (besonders in Österreich) einige Mischformen beider Arten entstanden.


Foto: H.W. Grömping

3. Vorkommen:

Der europäische Biber ist in Skandinavien, Polen, Osteuropa, in der Nordmongolei und Rußland, Frankreich und Deutschland heimisch. Er bevorzugt vegetationsreiche Ufergebiete an Süßwasserteichen, -bächen und -flüssen mit einem ausgeprägten Bestand an Weichhölzern.

4. Nahrung:

Biber sind streng herbivore Tiere, die sich im Sommer hauptsächlich von jungen Baumtrieben (z.B. Weide) sowie von verschiedenen Wasser- und Uferpflanzen (z.B. Myrten, Wasserlilien, Seerosen, Rohrkolben, Schilf) ernähren. Im Winter ist die Rinde von Bäumen Hauptnahrungsquelle. Dabei wird ein Wintervorrat aus etwa 2-3m langen Zweigen und Ästen in der Nähe des Baus deponiert. Der Nager ist aufgrund seiner großen Nagezähne und seiner enormen Bißkraft in der Lage, Bäume mit einem Stammdurchmesser von bis zu einem Meter zu fällen. Es werden verschiedene Weichholz-Laubbäume, wie Espen, Birken, Haselnüsse, Pappeln und Weiden als Nahrungsquelle genutzt. Einige andere Bäume wie beispielsweise Eichen werden lediglich zu Baumaßnahmen (Staudämme) gefällt.

Aufgrund des relativ hohen Anteils schwerverdaulicher Substrate in der Nahrung müssen Biber täglich etwa 20 Prozent ihres eigenen Körpergewichtes an Pflanzenmaterial aufnehmen. Die zellulosereiche Nahrung wird im Verdauungstrakt durch Mikroorganismen aufgeschlossen, umgesetzt und ist somit als Energiequelle für das Tier verfügbar.


Foto: H.W. Grömping

4. Vermehrung:

Biber sind monogam und bleiben somit einem einmal gewählten Partner ein Leben lang treu. Von Januar bis Februar findet nach Balzspielen im seichten Wasser die Paarung statt. Zwischen April und Juni kommen dann nach einer Tragzeit von 105 bis 107 Tagen die schon relativ weit entwickelten (sehend, behaart) Jungtiere zur Welt. Biber bekommen nur einmal pro Jahr zwischen 1 und 5, meist 3 Nachkommen, die bei der Geburt jeweils zwischen 500g und 700g wiegen. Die Jungen werden etwa 2-3 Monate lang gesäugt, nehmen aber bereits zwei Wochen nach der Geburt unabhängig Pflanzennahrung auf. Die vollständige Umstellung von der Muttermilch auf pflanzliche Nahrung ist eine kritische Zeit, die viele Jungbiber nicht überleben. Überstehen die Jungbiber diese Umstellung auf herbivore Kost jedoch erfolgreich, verlassen sie nach 2 Jahren das heimatliche Gebiet. 2.5 bis 4 Jahre nach der Geburt sind die Jungbiber geschlechtsreif und gründen neue Familien.

Das Lebensalter in freier Wildbahn beträgt zwischen 10 und 17 Jahren. In Gefangenschaft können Biber jedoch bis zu 35 Jahre alt werden.

5. Verhalten:

Biber sind soziale Tiere, die in Familienverbänden von etwa 5 bis 8 Tieren zusammenleben. Dabei lebt das Elternpaar mit den Kindern des gegenwärtigen Jahres und denen des Vorjahres zusammen.

Sie sind an das Leben im Wasser optimal angepaßt und können sich nur schwerfällig an Land fortbewegen. Deshalb entfernen sie sich vom Wasser nur selten weiter als etwa 20 Meter. Biber besetzen ein permanentes Territorium, welches mit einem öligen und moschusartig duftenden Sekret -genannt „Castoreum“ oder „Bibergeil“- aus den Afterdüsen markiert wird. Da die Tiere nicht auf Bäume klettern können, um sich die höhergelegenen Knospen und Zweige zu holen, fällen sie kurzerhand einfach den gesamten Baum. Dabei steht der Biber –gestützt durch seinen kräftigen schweren Schwanz- aufrecht vor dem Baum und nagt den Stamm in der bekannten Sanduhrform an. Biber sind generell nachtaktive Tiere und können einen Baum mit einem Durchmesser von 40cm in einer einzigen Nacht fällen.


Frische Biber-Fraßspuren an Espe Foto: H.W. Grömping

Die Bäume werden jedoch nicht nur gefällt, um sich Nahrung zu beschaffen. Der Biber benötigt das Holz auch für die gezielte Anlegung von Staudämmen und zum Aufbau seiner Unterkunft –der Biberburg-.

Generell baut der Biber an genügend hohen Ufern lediglich einen Erdbau aus Sand und Ton, den er innen mit Pflanzenmaterial auskleidet und dessen Eingangsröhre sich unter Wasser befindet. Ist das Flußbett jedoch –z.B. wegen zu hohen Wasserstandes- nicht hoch genug, um eine solche Unterkunft unterirdisch zu bauen, errichtet der Biber eine aufgesetzte Burg im Uferbereich. Hierfür werden auf dem eigentlichen Erdbau Zweige und Äste durch Lehm befestigt und kunstvoll zu einem mehrere Meter breiten und hohen Turm gestapelt. Die Unterkunft ist klimatisch gut isoliert: im Sommer betragen die Temperaturen im Bau bei 30°C Außentemperatur etwa 18-20°C, im Winter bei Außentemperaturen von –20°C herrschen im Bau immerhin Temperaturen von –3 bis +2°C.

Die Biber lieben das Tauchen und Schwimmen. Sie tauchen meist zwischen 2 bis 3 Minuten, können aber auch bis zu 15 Minuten unter Wasser bleiben. Die Kommunikation miteinander erfolgt über Duftsignale, Töne und Schwanzklatschen. Letzteres ist ein Warnzeichen für die anderen Biber, welches bei Gefahr durch lautes Klatschen der „Kelle“ auf die Wasseroberfläche erzeugt wird. Zum Wohlbefinden benötigen die Tiere ein Gewässer mit einer Tiefe von 50cm bis zu einem Meter. Sinkt der Wasserstand unter diesen Wert, beginnen die Biber -zum Stau des anfließenden Wassers- mit dem Bau eines Staudammes. Hierfür nutzen die aktiven Landschaftsgestalter Baumstämme, Zweige und Pflanzenmaterial in Verbindung mit Lehm, um eine zwischen 5m und 30m –in Ausnahmefällen bis zu 200m- lange und 1,5m hohe Staumauer zu bauen. Infolge der Anstauung eines „Biberteiches“ kommt es zu einer regelrechten Veränderung der Landschaft und zur Entstehung eines wichtigen Lebensraumes für viele seltene Pflanzen- und Tierarten. Verläßt der Biber sein Gebiet –z.B. wegen Mangel an Weichhölzern-, kommt es zu einem Rückgang des Biberteiches. Das im Laufe der Zeit angestaute und äußerst nährstoffreiche Sediment bildet dann die Grundlage für das üppige Gedeihen verschiedener Pflanzen. Die sogennante „Biberwiese“ entsteht.

6. Geschichtliche Informationen:

Biber gab es früher recht häufig im Bereich verschiedener großer Flüsse. Neben der Verfolgung wegen seines Fleisches (der Biber wurde im Mittelalter irrsinnigerweise zum Fisch erklärt, um in der Fastenzeit legal sein Fleisch essen zu dürfen) und des „Bibergeils“ sorgten hauptsächlich Pelzjäger für einem drastischen Rückgang des Bestandes in Europa. Flußbegradigungen und Auenwaldbeseitigungen führten ebenfalls zu einem weiteren Schrumpfen des Bestandes. Natürliche Feinde, wie Luchs, Wolf und Bär hingegen hatten kaum einen Einfluß auf den Bestand des Bibers.

Bereits im 12. Jahrhundert war der Biber in England und im 16. Jahrhundert in Italien vollständig ausgerottet worden. Bis zum 18./19.Jahrhundert war der Bestand in Gesamteuropa soweit dezimiert, daß der Biber hier extrem vom Aussterben bedroht war. In Deutschland überlebte beispielsweise bis zum Anfang des 20.Jahrhunderts nur eine Restpopulation des Elbebibers (Castor fiber albicus).

Nach der Einführung von Schutzmaßnahmen und der gezielten Wiedereinbürgerung kam es im 20. Jahrhundert glücklicherweise wieder zu einer Stabilisierung des Bestandes. Zur Zeit gibt es dank der strengen Schutzmaßnahmen in Deutschland etwa 6000 dieses für die Vielfältigkeit der Fauna und Flora so extrem nützlichen Nagers, wobei eine steigende Tendenz des Biberbestandes feststellbar ist. In Deutschland existieren übrigens verschiedene Unterarten des Bibers: Castor fiber -in Bayern-, Castor fiber albicus (Elbebiber) –hauptsächlich im Gebiet der mittleren Elbe-, Castor fiber vistulans -kleine Populationen an der mittleren Westgrenze Deutschlands- und Castor fiber galliae –Südwestdeutschland.



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