Schlammpeitzger

Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis)

Klasse: Fische (Pisces)
Ordnung: Karpfenartige (Cypriniformes)
Familie:
Schmerlen (Cobitidae)
Gattung: Schlammpeitzger (Misgurnus)

Autor: Thomas Pruß
Dokument: TP 00004

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Schlammpeitzger-Portrait. Gut zu erkennen sind die acht Barteln rund ums Maul. Die Augen sind klein, der Fisch orientiert sich in erster Linie über sein Seitenlinienorgan. Beachte auch die weit auseinander stehenden Ein- und Ausströmöffnungen der Nase  ideal fürs  Stereo-Riechen .


Der „Wetterprophet“
Zahllose Gräben durchziehen die Landschaft der norddeutschen Tiefebene und der Niederlande. Sie dienen der Be- und Entwässerung von Ackerflächen, feuchten Wiesen, Sümpfen und Mooren. In ihrer Ausprägung sind sie höchst unterschiedlich: Manche sind so breit, dass sie mit Booten zu befahren sind, andere wieder so klein und schmal, dass sie im Sommer austrocknen. Vor allem die Gräben, die Moorgebiete entwässern, können ein sehr saures Wasser führen. Und genau diese kleinen, oft auch sehr sauerstoffarmes Wasser führenden Gräben (auch Sielzüge oder Wettern genannt) sind der Lebensraum eines äußerst merkwürdigen Fisches – des Europäischen Schlammpeitzgers!

Der Schlammpeitzger gehört in die Ordnung der Karpfenartigen (Cypriniformes) und hier in die Familie der Schmerlenartigen (Cobitidae), was man schon beim ersten Blick in sein „Gesicht“ erkennt: Das Maul ist von acht fleischigen Barteln umgeben. Der Körper ist lang gestreckt, schlank und von einer sehr glitschigen Schleimhaut bedeckt. Rücken- und Bauchflossen liegen am Beginn des hinteren Körperdrittels; die Schwanzflosse ist stumpf abgerundet. Die Fische können 15 bis 30 cm lang werden.

Aquarienaufnahme eine Schlammpeitzgers. Dies ist ein Altfisch, was man an der Längsstreifung der Körperzeichnung erkennen kann.

Die Körperfärbung ist ein dunkles Braun. Während Jungfische ein sehr abwechslungsreiches Muster aus hellen Flecken und Ringen zeigen, sind Altfische mit helleren Längsstreifen gezeichnet. Das Vorkommen reicht in Europa von Frankreich bis nach Russland.
Schlammpeitzger leben am Grund schlammiger bis sandiger Gewässer. Tagsüber graben sie sich 20 bis 30 cm tief in das Sediment ein und kommen erst in der Dunkelheit heraus (nachtaktiv), um nach Würmern, Schnecken, Insektenlarven, kleinen Krebsen oder Schnecken zu wühlen. Sie sehen kaum etwas, deshalb erfühlen und schmecken sie ihre Nahrung mit den dicken Barteln, die reich mit Sinneszellen besetzt sind.
Wie schon erwähnt, können die Gewässer, die der Schlammpeitzger besiedelt, zu Extrem-Lebensräumen gehören: Sie sind meist durch organische Stoffe hoch belastet (auch in Gebieten ohne oder mit wenig Landwirtschaft), was im Sommer zu Sauerstoffmangel führt. Oder sie sind so klein, dass sie während längerer Trockenphasen austrocknen. Der Schlammpeitzger begegnet diesen Widrigkeiten mit seiner Fähigkeit, Luftsauerstoff zu atmen. Er schwimmt an die Wasseroberfläche und schluckt Luft. In seinem Darm entzieht er ihr dann den Sauerstoff. Das nennt man Darmatmung. Die Darmatmung setzt der Fisch auch ein, wenn das Gewässer austrocknet. Die Trockenzeit übersteht er, indem er sich bis zu 70 cm in den Schlamm eingräbt. So tief trocknen die kleinen Gräben nie aus.
Die Darmatmung hat ihm auch die volkstümliche Bezeichnung „Wetterfisch“ oder „Gewitterfisch“ eingebracht: Vor allem vor Sommergewittern ist die Luft oft sehr drückend und schwül. Die Kleingewässer sind extrem aufgeheizt und fast ohne Sauerstoff. Dann kommt der Fisch an die Oberfläche, um Luft zu schlucken.
Die Landbevölkerung war natürlich bei der Feldarbeit ganz besonders auf Anzeichen angewiesen, die ihnen ein nahendes (Un-)Wetter ankündigten. Dazu gehörte eben auch der Schlammpeitzger. Der Fisch sagte ihnen, wann es Zeit war, sich in Sicherheit zu bringen.


Kleine Schuppen und eine dicke, glitschige Schleimhaut bedecken den Körper

Rote Liste 2
Der Schlammpeitzger wird in der Roten Liste als „stark gefährdet“ eingestuft. In der Tat sind europaweit viele Lebensräume durch Ausbaggern, Verrohrung und Trockenlegung vernichtet worden. Eine weitere Bedrohung stellen Schadstoffe (Herbizide, Insektizide usw. aus der Landwirtschaft) dar, die sich im Grund und den Nährtieren des Schlammpeitzgers anreichern.

Aber oft ist es gar nicht so leicht, die Existenz dieses Fisches in einem scheinbar passenden Gewässer nach zu weisen. Der Fischbestand in einem Gewässer wird heutzutage oft mit Elektrofischen erfasst. Auch die Angler leisten mit ihren Fanglisten einen Beitrag dazu. Allerdings ist der Schlammpeitzger kein Fisch, den man mit der Angel fangen kann. Und auch das Elektrofischen bringt selten Erfolge: Der Fisch verbirgt sich tief im Schlamm, in dem das elektrische Feld sehr schnell zusammen bricht und ihn nicht mehr erreicht. Allerdings kann man ihn sehr gut in Reusen fangen. Manchmal hilft es auch, den Mageninhalt von Raubfischen zu untersuchen: Schlammpeitzger laichen zwischen Mai und Juli – die Eier werden an Wasserpflanzen und Wurzeln abgelegt. Dabei werden diese Fische unvorsichtig. Mehrere Männchen bedrängen ein Weibchen, umschlängeln es und versuchen sich mit ihm zu paaren. Das ist eine Gelegenheit, die sich z. B. Hechte und Barsche nicht entgehen lassen. Für sie sind Schlammpeitzger in dieser Zeit eine sichere und leichte Beute. Hat man also in einem der größeren Sielzüge einen Raubfisch gefangen, der Schlammpeitzger gefressen hat, so kann man sicher sein, dass diese Fischart in dem zum Sielzug gehörenden Grabensystem vorkommt.

Die abgerundete Schwanzflosse zeigt, dass der Schlammpeitzger kein ausdauernder Schwimmer ist

Verwertbarkeit des Schlammpeitzgers.
Aufgrund seiner Größe bis zu 30 cm kann man den Schlammpeitzger durchaus essen. Der Fisch ist praktisch grätenfrei, aber über den Geschmack liegen keine Angaben vor. Allerdings war er wohl in einigen Regionen durchaus ein Speisefisch: Die Bewohner der Winsener Marsch (Winsen/Luhe, Landkreis Harburg) waren in früheren Zeiten sehr arm: Landwirtschaft konnte in dem moorigen Gebiet nur eingeschränkt ausgeübt werden. Daher fingen sie die Schlammpeitzger und aßen sie auf. Aus diesem Grunde wurden sie von den reichen Vierländer Bauern, die auf der anderen Seite der Elbe sehr fruchtbares Ackerland besaßen (heute gehört das Gebiet zu
Hamburg) verächtlich "Putenbieter" genannt. "Pute" ist plattdeutsch und heißt Schlammpeitzger, "Bieter" ist der "Beißer". Der "Putenbieter" ist also der "Schlammpeitzgerfresser".
(Quelle: Dipl. Biol. Rolf Schwarzer, Chefred. AngelWoche, mdl.)

Typisches Schlammpeitzger-Gewässer: ein Abzugsgraben aus dem Seethet Moor, Seeth, Nordfriesland



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