Wolliger Fingerhut

Wolliger Fingerhut (Digitalis lanata syn. D. ferruginea, D. orientalis)
engl. Woolly fox-glove

Gattung: Fingerhut (Digitalis)
Familie: Wegerichgewächse (Plantaginaceae)
Ordnung:
Lippenblütlerartige (Laminales)
Klasse: Zweikeimblättrige (Dicotyledones)
Unterabteilung: Bedecktsamer (Angiospermae)
Abteilung: Samenpflanzen (Spermatophyta)

Autor: Matthias Zimmermann
Mail: mail@natur-lexikon.com

Dokument: MZ 00306

► mehr Pflanzen

Siehe auch: Arzneipflanzen Giftpflanzen


Der Wollige Fingerhut ist in Süd-Ost-Europa heimisch und wird ergänzend in Mitteleuropa angebaut. Es handelt sich um die wichtigste Arzneipflanze zur Gewinnung von  herzwirksamen Glykosiden. Sie ist leicht kultivierbar, aber nicht winterfest. Er besiedelt, oft in Massenbeständen, vorwiegend steinige Brachflächen, lichte Wälder, Gebüsche, Trockenrasen und Waldränder.

Die Ein- bis zweijährige, krautige Pflanze besitzt eine ausgeprägte Rosette aus grundständigen Blättern. Erst im zweiten Jahr wächst aus der Rosette die vollständige Pflanze heraus. Sie erreicht eine Wuchshöhe von etwa 120 cm. Der vielkantige, behaarte Stängel ist weitgehend unverzweigt.

Die schmal-lanzettlichen, unbehaarten, bogennervigen, bis 30 cm langen Stängelblätter besitzen einen glatten Rand und wachsen wechselständig. Nur die Blütenteile und die Blütenstandsachse sind typisch wollig behaart.

Habitus Wolliger Fingerhut

Die 2 – 3 cm langen, gelbbraunen, glockigen Blüten mit kurzer Kronröhre stehen in allseitswendigen Blütenständen. Sie sind gelb-braun dicht geadert. Die Blütenkrone ist zweilippig. Die auffällige, vorstehende, dreilappige Unterlippe leuchtet weiß, ist fast so lang wie die 2 – 3 cm lange Kronröhre und nach unten umgerollt. Die zwittrigen Blüten sind fünfzählig. Die fünf verwachsenen Kelchblätter besitzen kurze Kelchzipfel.  Die Tragblätter überragen die Blüten um mehr als das Doppelte. Die vier Staubblätter ragen nicht aus der Blütenkrone heraus. Die Kelche und Blütenstiele sind drüsig, hellwollig behaart.

Die eiförmige Kapselfrucht mit zwei Längsfurchen öffnet sich zweiklappig und beinhaltet viele kleine gerippte Samen.

Der Wollige Fingerhut blüht zwischen Juni und August.

Die Bezeichnung Digitalis leitet sich von lat. Digitus = Finger ab; lanata steht für „wollig“.

Blüte Wolliger Fingerhut

Der Wollige Fingerhut als Arzneipflanze
An wirksamen Inhaltstoffen sind in erster Linie die herzwirksamen Glykoside zu zählen; etwa 60 verschiedene Substanzen aus dieser Stoffgruppe findet man im Wolligen Fingerhut. Daneben kommen noch Saponine und Flavonoide vor.

An herzwirksamen Glykosiden findet man vor allem Lantaosid A, B, C, sowie Acetyldigoxin, Acetyldigitoxin, Acetylgitoxin. Die Zusammensetzung ist in weiten Bereichen ähnlich wie in dem Roten Fingerhut. Diese Stoffe sind extrem stark wirksam und besitzen eine sehr enge therapeutische Breite.

Anwendung finden heute meist auf einen bestimmten Wirkwert eingestellte Drogenauszüge bzw. Fertigarzneimittel und nicht mehr die Pflanze als Zubereitung selber. Die Blätter (Digitalis lanatae folium) dienen vor allem der industriellen Gewinnung der Glykoside Digoxin (Abbauprodukt von Lanatosid C) und Digitoxin. Sie stammen ausschließlich aus dem Anbau in z.B. Holland, Schweiz, Italien, Nordafrika und den USA. Die Ernte erfolgt im Frühherbst des ersten Kulturjahres als Rosettenpflanze, da in diesem Stadium die höchsten Wirkstoffgehälter in den Blättern zu finden sind.

Das Haupteinsatzgebiet ist die Herzinsuffizienz. Digitalisglykoside hemmen selektiv die Na/K-ATPase und erhöhen so indirekt die Ca-Ionen-Konzentration in den Zellen des Herzmuskels. Dabei steigern sie die Kontraktionskraft des Herzmuskels (insbesondere des kranken Muskels), was auch als positiv inotrope Wirkung bezeichnet wird. Sie verlangsamen die Schlagfrequenz (negativ chronotrope Wirkung). Zudem verzögern sie die Erregungsleitung. Bei normaler Dosierung wirken die herzwirksamen Glykoside nur am Herzen. In der Folge schlägt das ursprünglich schwache Herz (Herzinsuffizienz) wieder langsamer und kräftiger. Zudem verstärkt sich die Diurese, allerdings nicht als direkte Wirkung, sondern als Folge der (jetzt wieder) kräftigeren Herzfunktion.

Im Anbau wird der Wollige Fingerhut dem Roten Fingerhut meist vorgezogen, da er einen vielfach höheren Wirkstoffgehalt besitzt und sich besser kultivieren lässt. Zudem gelten die Glykosidgemische des Wolligen Fingerhutes als besser verträglich, wie die des Roten Fingerhutes. Sie werden rascher aufgenommen und schneller ausgeschieden, so dass die Gefahr der Wirkstoffanhäufung (kumulative Wirkung) im Körper minimiert ist.

Zudem finden die Wirkstoffe bzw. abgeleiteten Wirkstoffe des Wolligen Fingerhutes in sehr vielen Fertigarzneimitteln Verwendung. Diese Arzneimittel besitzen alle eine sehr enge therapeutische Breite, sowie die Gefahr der Kumulation bei zu hoch dosierter Anwendung.

Blütenstand Wolliger Fingerhut

Der Wollige Fingerhut als Giftpflanze
Im Wolligen Fingerhut finden sich giftige Substanzen, welche zur Gruppe der herzwirksamen Glykoside zählen.

Die Giftwirkung ist um ein vielfaches höher, als beim Roten Fingerhut. Vergiftungen zeigen sich in Herzrhythmusstörungen, Kreislaufproblemen, Halluzinationen, Übelkeit und Erbrechen, Durchfällen,  Flimmern vor den Augen und können in einem tödlichen Herzstillstand enden. Für starke Vergiftungen reicht schon der Verzehr von 1-2 Blättern oder etwa 3-5 Gramm Pflanzenmaterial.

Bei Vergiftungen sollte u.a. Erbrechen ausgelöst, der Magen gespült  und Aktivkohle geben werden. Zudem ist eine Klinikeinweisung angezeigt.

Vergiftungen durch den Wolligen Fingerhut sind, trotz seiner starken Giftigkeit, eher selten. Viel öfter kommt es zu Vergiftungen durch die Blätter des Roten Fingerhutes, welcher als heimische Wild- und Gartenpflanze bei uns weit verbreitet ist.

Alle Pflanzenteile des Wolligen Fingerhutes sind giftig. Da er sehr bitter schmeckt und sehr schnell Erbrechen einsetzt, sind schwere Vergiftungen insgesamt doch nicht sehr häufig.

Herzwirksame Glykoside treten in einer Gruppe von Gattungen innerhalb der Bedecktsamer auf. Als wichtige Beispiele seinen, neben den Fingerhüten,  genannt:

Digitaloide werden diese herzwirksamen Glykoside genannt, welche nicht aus der Gattung Digitalis stammen. Digitaloide (z.B. Adoniskraut und Maiglöckchen) werden häufiger bei schwächeren oder nervös-funktionellen Herzbeschwerden eingesetzt.

In all diesen Pflanzen kommen stets Gemische von verschiedenen herzwirksamen Glykosiden vor. Aber nur die wenigsten eigenen sich als Arzneipflanzen, da die Wirkstoffgehalte in den Pflanzen zu sehr in Gehalt und Zusammensetzung schwanken.



Alle gezeigten Texte und Bilder unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Eine Kopie oder Nutzung ausserhalb des Natur-lexikon.com ist nur nach ausdrücklicher Genehmigung des Autors / Fotografen gestattet. Eine Einbindung der Bilder in fremde Webseiten ist grundsätzlich nicht gestattet. Die gezeigten Inhalte dienen der Weiterbildung.

Wolliger Fingerhut

Natur-Lexikon.com