Tollkirsche

Tollkirsche (Atropa belladonna)
syn. Tollbeere, Teufelskirsche, Mörderbeere

Familie: Nachtschattengewächse (Solanaceae)
Klasse: Zweikeimblättrige (Dicotyledoneae)
Unterabteilung: Bedecktsamer (Angiospermae)
Abteilung: Samenpflanzen (Spermatophyta)

Autor: Matthias Zimmermann
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Dokument: MZ 00195

Giftpflanzen Arzneipflanzen

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Die Tollkirsche ist neben dem Blauen Eisenhut, dem Seidelbast und dem Gefleckten Schierling eine der bekanntesten und stärksten Giftpflanzen Europas. Sie ist in Süd- und Mitteleuropa, Nordafrika sowie Vorderasien heimisch.

Sie bevorzugt kalkhaltige, nicht zu feuchte, humose Böden in zumindest halbsonniger, heller Lage, oftmals an lichten Stellen im Wald oder an Waldrändern von Laub – oder Mischwäldern. In Höhenlagen ist sie bis 1700 Meter zu finden. Wildbestände der Tollkirsche sind heute durch die Auflichtung der Wälder häufiger geworden, insgesamt aber eher selten in individuenarmen Beständen zu finden.

Die Gattung Atropa ist nach der griechischen Schicksalsgöttin Atrops benannt, welche den Lebensfaden durchgeschnitten und damit das Lebensende der Menschen bestimmt hat.

Die Tollkirsche ist eine ausdauernde, kräftige, buschartige Pflanze mit stark verzweigten Stängeln. Sie erreicht eine Wuchshöhe von bis ca. 1,50 Meter. Im unteren Teil ist sie unbehaart, im oberen Teil ist sie drüsig behaart. Die bis 20cm langen, glattrandigen, wechselständigen Blätter sind eiförmig-spitz bis breit-lanzettlich und laufen in den Blattstiel aus. Sie besitzen eine deutlich erkennbare Nervatur. An jedem Sprossabschnitt (welcher in einer Blüte endet) stehen zwei weiche Blätter in gleicher Höhe und wirken so scheinbar gegenständig. Es steht immer ein kleines und ein großes Blatt gemeinsam.

Tollkirsche Blütenstand

Die braunvioletten, nickenden Blüten mit 5 Blütenblättern sitzen einzeln, kurz gestielt, glockenförmig in den Achseln der mittleren und oberen Blätter. Sie sind bis 3cm groß, innen schmutzig-gelb und dunkelrot geadert. Kelch und Krone wachsen engglockig. Der Fruchtknoten ist zweifächrig. Die Staubbeutel sind gelblich.

Die saftigen, schwarz glänzenden (anfangs grünen, niemals roten) Beerenfrüchte ähneln in Form und Größe einer Kirsche. Sie haben einen Durchmesser von fast 1,5 cm und sitzen an einem kurzen, dicken Stiel. Sie haben einen süßlich angenehmen Geschmack. Im Gegensatz zu der Kirsche enthalten die Früchte der Tollkirsche viele kleine Samen und nicht einen großen Stein. Es gibt auch eine seltene Varietät mit gelben Früchten (var. lutea).

Die Blütezeit der Tollkirsche liegt zwischen Juni und August. In dieser Zeit sind Blüten, Früchte und unreife Früchte zugleich an einer Pflanze zu entdecken.

Die ca. 5 cm dicke Pfahlwurzel wird bis 1m lang.

Die Tollkirsche ist eine stark giftige Pflanze. Zudem wurde sie in der Vergangenheit als Arzneipflanze viel genutzt. Arzneilich genutzte Teile der Pflanze sind die Blätter (Belladonnae folium), die Früchte und die Wurzeln (Belladonnae radix).

Der Name Belladonna (lat. Schöne Frau) bezieht sich auf die pupillenerweiternden Eigenschaften des Atropins. Hierzu sind Extrakte der Tollkirsche im 16. Jahrhundert als Kosmetikum genutzt worden. Allerdings hat sich dann auch immer die Sehschärfe entsprechend reduziert.

Im Mittelalter wurde die Tollkirsche fester Bestandteil vieler Hexentränke bzw. Hexensalben. Dabei spielten die ZNS gängigen Alkaloide mit ihren Rausch- und Halluzinationswirkungen eine zentrale Rolle; auch wenn die Vergiftungsgefahr sehr groß war. Der Übergang von der erregenden Wirkung auf das Gehirn bis zur zentralen Lähmung der Atmung ist sehr eng.

Tollkirsche Einzelblüte

Alle Pflanzenteile der Tollkirsche sind giftig, auch wenn sie sich in Ihrer Alkaloidzusammensetzung unterscheiden.

Auch als Mordgift ist die Tollkirsche in der Vergangenheit oft eingesetzt worden.

Die tödliche Dosis der Beeren liegt bei Kindern zwischen 2 und 5, bei Erwachsenen zwischen 15 und 20 Stück.

Die Giftwirkung des Tollkirsche beruht im Wesentlichen auf der giftigen Wirkung des (S)-Hyoscyamin. Das (S)-Hyoscyamin wandelt sich schnell durch Racemierung des Tropasäurerestes in ein Gemisch von (S)-Hyoscyamin und (R)-Hyoscyamin um, welches man umgangssprachlich Atropin nennt. Die eigentliche Giftwirkung geht nur von der (S) Form aus. Solche Gemische nennt man Racemate. Atropin gehört zu der Gruppe der Tropanalkaloide. Daneben findet sich noch Scopolamin, Tropin und Nicotin als alkaloide Inhaltsstoffe. Weitere nichtalkaloide Inhaltstoffe sind Cumarine, Gerbstoffe und Flavonoide.

Die Tropanalkaloide der Tollkirsche wirken parasympatikolytisch (lähmende Wirkung auf die Nervenenden des Parasympathicus), d.h. sie wirken spamolytisch bzw. krampflösend auf die Verdauungswege, Harnwege, Galle und Bronchien. Im Weiteren kommt es zu einer Erweiterung der Pupillen (Mydriasis) und einer Akkomodationslähmung (Lähmung der Augenmuskulatur). Die zentralen Wirkungen im Gehirn gehen einher mit Tobsuchtsanfallen und Halluzinationen (daher auch der Name Tollkirsche)

Externe Drüsen wie z.B. Magensaftdrüsen, Speicheldrüsen, Schweißdrüsen etc. werden blockiert. Übelkeit und Erbrechen werden unterdrückt.

Die 4 wichtigsten Giftsymptome sind:

-          Gesichtsrötung
-          Trockenheit der Schleimhäute
-          Pulsbeschleunigung
-          Pupillenerweiterung

Therapeutische Dosis Atropin bei Erwachsenen 1 – max. in Ausnahmefällen 10mg

Tödliche Dosis bei Erwachsenen: ca. 100 Milligramm oral
Tödliche Dosis beim Kind: ca. 10 Milligramm oral
Tödliche Dosis beim Baby: ca. 2 Milligramm oral

Nebenwirkungen des Atropineinsatzes:
Stark beschleunigte Herztätigkeit (Tachykardie), Pupillenerweiterung (Mydriasis), trockene Schleimhäute, gerötete, heiße Haut, Unruhe, Halluzinationen und sonstige Bewußtseinsstörungen, Krampfanfälle, unregelmäßige Herztätigkeit.

Belladonna Blätter (Belladonnae folium) auch Belladonnakraut
Bestehend aus getrockneten Blättern, blühenden Zweigspitzen und Früchten.
Die Blätter werden im Wesentlichen zur Entkrampfung glatter Muskulatur (z.B. Verdauungstrakt) eingesetzt. Auch in den Früchten finden sich sehr hohe Konzentrationen der o.g. giftigen Tropanalkaloide.

Belladonna Wurzel (Belladonnae radix)
Es wird die ganze Wurzel bei 3-4jährigen Pflanzen gesammelt. Die getrockneten Wurzeln enthalten ca. 0,4 -0,8% Alkaloidanteil. Allerdings fehlen die wirksamen spasmolytisch Flavonoide.

Die Wurzelauszüge wurden früher als so genannte „Bulgarische Kur“ bei der Parkinsonkrankheit angewendet und sind heute obsolet.

Einsatz als Fertigarzneimittel:
Atropin wird heute bei Augenoperationen, Asthma und zur Narkosevorbereitung eingesetzt. Zudem findet Atropin Verwendung als Antidot (Gegengift) bei Vergiftungen mit Insektiziden (Thiophosphorsäureestern , z.B. E605) sowie Muscarin- und Pilocarpin-Vergiftungen. Hyoscyamin und Scopolamin finden auch als Antiemetika (Mittel gegen Erbrechen) Anwendung.

Nutzung als Modedroge:
Zunehmend wird Atropin auch als Modedroge in Kombination mit Kokain genutzt. In diesem Zusammenhang sind bereits viele Vergiftungsfälle in Europa aufgetreten.

Maßnahmen bei Vergiftungen:
Die meisten Vergiftungen werden durch den Verzehr der Früchte ausgelöst.
Bei den Giftberatungsstellen kommen Vergiftungen durch Verzehr der Tollkirsche sehr häufig vor.
Allerdings ist auch eine geringe Giftaufnahme durch die Haut möglich. Maßnahmen: Aktivkohle, viel Flüssigkeit und die Gabe von Anitdot (Physostigminsalicyclat -Anticholium® oder Pilocarpin). Bei Krampfanfällen Diazepam (Valium). Ohne Gegenmaßnahmen bei schweren Vergiftungen tritt der Tod binnen 24 Stunden ein.

Vögel reagieren kaum auf die Giftwirkung der Tollkirsche und verzehren diese ohne größere Probleme. Für die meisten Säugetiere ist die Tollkirsche hingegen giftig.



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