Seehund

Gemeiner Seehund (Phoca vitulina)

Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Ordnung:
Raubtiere (Carnivora)
Familie:
Seehunde syn. Hundsrobben (Phocidae)

Autor: Matthias Zimmermann
Website: http://www.natur-lexikon.com

Dokument: MZ 00070

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Foto: Gerhard Schulz

Einführung
Der Seehund ist das sicher bekannteste Wasserraubtier in Nordeuropa. Dies hat auch darin seine Ursache, dass er vom Land aus auf den Sandbänken gut beobachtet werden kann. Fast jeder Nordseeurlauber hat sie schon beobachten können.

Seehunde sind im Bestand bedroht. Jagd, Wasserverschmutzung, mangelnde Nahrung durch Überfischung und Krankheiten (vor allem Staupe s.u.) haben die Bestände stark abschmelzen lassen. Vor etwa hundert Jahren war die Jagd nach Seehunden noch einträgliches Gewerbe. Im Jahr 1974 gab es dann nur noch knapp 4.000 Seehunde im Wattenmeer. Durch vielfältige Schutzprogramme konnten sich die Bestände auf ca. 10.000 Tiere erhöhen. Insbesondere das Verbot der Seehundjagd 1974 und die Gründung des Nationalparks Wattenmeer 1985 hat zu einer Erholung der Seehundbestände geführt.

Im Sommer 1989 (nach dem ersten Seehundsterben) waren es nur noch 5.000 Seehunde im Wattenmeer. Die Zählung der Seehunde im Wattenmeer erfolgt vom Flugzeug aus.

Die Seehunde gehören u.a. gemeinsam mit den Ringelrobben, Seeleoparden etc. zu der Familie der echten Robben bzw. Hundsrobben, die 19 Arten in 12 Gattungen umfasst. Gemeinsam mit den Ohrenrobben (Otariidae) bzw. den Walroßen (Obobenidae) gehören sie zu den Carnivora (Fleischfressern bzw. Raubtieren), welche im Wasser leben.

Seehund am Strand
Foto: Gerhard Schulz

Verbreitung und Lebensraum
Seehunde sind weit verbreitete Küstenbewohner. Sie leben an den nördlichen Küstenabschnitten des Atlantiks und Pazifiks. In Europa an den Küsten von Island bis Portugal. Die echten Polarregionen meidet er. Die größten Vorkommen findet man im Wattenmeer und in der deutschen Bucht. Dort sind die Seehundbestände eng in den wachsenden Tourismus eingebunden. Mehrmals täglich fahren Ausflugsschiffe mit flachem Grund nah an die Seehundbänke. Die Seehunde haben sich an die Menschen gewöhnt und betrachten die Schiffe voller Interesse. Wirtschaftliche und ökologische Interessen verbinden sich heute zu intensiven Schutzprogrammen für die Seehunde in der Nordsee. Die Störungen der Seehunde durch den Menschen hat in den letzten Jahren nachgelassen.

Seehunde bevorzugen seichte Gewässer mit viel Sand. Erstaunlicherweise können sie auch in Süß- und Salzwasser gut leben. In den USA sind sie einige hundert Kilometer vom Meer entfernt in Flüsse und Seen vorgedrungen und dort heimisch.

Sie sind standorttreue Raubtiere, die ihren Lebensraum nur bei schlechter werdenden Lebensbedingungen verlassen. Dies fördert die Ausbildung einzelner Unterarten bzw. Rassen. Die in Europa heimischen Seehunde gehören alle einer Rasse an.

Seehund schwimmt
Foto: Uwe Walz

Körperbau
Seehunde sind bis 100 kg schwere, 150 – 200 cm lange Raubtiere. Die Weibchen sind meist etwas kleiner als die Männchen. Ein großer Teil ihres Gewichts stammt aus dem massiven Unterhautfettgewebe (Blubber).

Anders als andere im Wasser lebende Säugetiere (z.B. Delfine oder Wale) besitzen die Robben ein Fell. Dieses Fell ist sehr dicht (mehr als 50.000 Haare je Quadratzentimeter) und durch den Talg völlig wasserdicht.

Das Fell des Seehundes ist sandfarben bis graubraun in verlaufenden Farben. Netzmuster u.ä. fehlen völlig. Das Männchen besitzt auf dem ganzen Rücken eine starke, zusammenlaufende Fleckung, welche sich zum Bauch hin auflöst. Die Flecken bilden aber nie Kreise, wie bei der Ringelrobbe. Die Flecken sind bei den Weibchen weniger stark ausgeprägt, was die Weibchen heller erscheinen lässt.

In den Sommermonaten kommt es zum Fellwechsel bei den Seehunden. Zu der Zeit benötigen Sie viel Ruhe und Zeit sich zu Sonnen, um den Vitamin D Haushalt wieder auszugleichen.

Die Seehunde sind an das Wasser angepasste Raubtiere. Mit den Landraubtieren verbindet sie wenig. Nur zu der Geburt und zum Säugen der Jungen müssen sie das Wasser verlassen. Natürlich suchen sie auch gern Sandbänke zum Ausruhen und Sonnen auf. Ihr Körper ist ideal an die Umgebung angepasst, z.B. sind die Gliedmaßen sind zu Flossen umgewandelt und zwischen den Fingern und Zehen haben sich Schwimmhäute gebildet. Der Körper ist stromlinienförmig gebaut. Alle „Unebenheiten“ sind zurückgebildet, so sind z.B. die Ohren als kleine seitliche Löcher am kopf zu erkennen. Diese „Ohrlöcher“ unterscheiden sie auch u.a. von den Ohrenrobben, welche noch über kleine Ohrenmuscheln verfügen. Die Nasenöffnungen können zum Tauchen geschlossen werden. Unter der Haut besitzen sie ein dicke Fettschicht, die sie vor der Kälte schützt.


Foto: Uwe Walz

Auch die Hinterbeine sind zu kleinen Schwanzflossen umgewandelt, dadurch können sie sehr wendig Schwimmen und Tauchen. An Land sind die Flossen zur Fortbewegung nicht zu gebrauchen, da sie die Hinterbeine nicht unter den Körper bringen können, so dass sie eher unbeholfen über die Sandbänke robben. Zum Robben wird der Hinterleib angezogen und der Vorderleib gestreckt, es wirkt also raupenähnlich in der Bewegung.

Auch die Sinnesorgane arbeiten unter Wasser optimal. Seehunde besitzen u.a. zusätzlich sogenannte Vibrissen (Sinneshaare), welche Ihnen das Finden und die Überprüfung von Nahrung erleichtern.

Ihre Augen sind sehr groß und empfindlich, unter Wasser erweitern sie die Pupillen stark, da in einigen Metern Tiefe das Wasser oft trübe und undurchsichtig ist. Das Auge ist zum Schutz mit einer dünnen Membrane überzogen. Ihnen fehlt der Nasentränengang , daher laufen ihnen oft Tränen aus den Augen. Da ihre Augen an die Brechkraft des Wassers angepasst sind, sind sie an Land kurzsichtig und reagieren nur auf Bewegungen. Zudem sind Seehunde farbenblind, sie besitzen vor allem die „Grünzapfen“ für langwelliges Licht.

Neben dem Gesichtssinn besitzen die Seehunden einen schwachen Geruchssinn, welcher zwar unter Wasser wenig nutzt, aber an Land zum Auffinden der eignen Jungen in der Kolonie wichtig ist. Am wichtigsten unter Wasser ist ihr empfindliches Gehör. Ähnlich wie die Fledermäuse können sie Beute aufspüren bzw. Echolot-ähnlich feste Umrisse erkennen. Selbst erblindete Tiere können sich so sicher unter Wasser bewegen. Die Ohren können unter Wasser durch Muskelkontraktion geöffnet und geschlossen werden.

Einen Großteil seines Lebens verbringt der Seehund im Wasser, nur zur Paarung, der Geburt und zum Säugen der Jungen müssen sie das Wasser verlassen. Natürlich suchen sie auch gern Sandbänke zum Ausruhen und Sonnen auf.

Da die Seehunde den Sauerstoff des Wassers nicht aufnehmen können, müssen sie regelmäßig zum Luftholen an die Wasseroberfläche kommen. Wenn ein Seehund taucht, verschließt er die Nasenlöcher und senkt seinen Herzschlag ab (von 150 Schlägen auf bis zu 10 Schläge je Minute), so wird deutlich weniger Sauerstoff verbraucht. Zudem besitzt er in den Lungen Ventile und Kammern die einen größeren Luftvorrat möglich machen.

Bis zu 45 min kann ein Seehund unter Wasser bleiben, der normale Tauchgang beschränkt sich allerdings auf ca. 10 min. Da sie in flachen Gewässern leben, tauchen sie meist nicht besonders tief, können aber auch Tiefen von einigen hundert Metern erreichen. Seehunde des Wattenmeeres können und brauchen solche Tiefen nicht erreichen, wie sie Seehunde in anderen Teilen der Welt erreichen. Die reine Tauchtiefe ist für die Seehunde nicht wichtig, wohl aber die Tauchdauer. Die aerobe Tauchgrenze (Anschnellen der Laktatkonzentration durch Sauerstoffmangel) kann im Einzelfall deutlich überschritten werden, um z.B. ein bestimmtes Beutetier zu verfolgen. Die folgenden Ausruhzeiten sind in solchen Fällen stark verlängert. Das Blut der Seehunde kann sehr viel mehr Sauerstoff speichern als menschliches Blut, da es deutlich mehr Hämoglobin enthält. Zudem besitzen Seehunde fast doppelt so viel Blut je Kg Körpergewicht, wie ein Mensch.

Vor dem Tauchen atmen die Seehunde aus, um einen Druck von bis zu 50 atm. aushalten zu können. Sie sind unter Wasser sehr wendig und schnell, dabei können sie Geschwindigkeiten von 30 bis 40 km/h erreichen.

Seehund Heuler
Foto: Gerhard Schulz

Ernährung
Seehunde ernähren sich ausschließlich von Fisch, Muscheln und Krabben. Hierbei sind sie nicht wählerisch und fressen was sie erreichen können.

Selbst aus den Netzen der Fischer können sie geschickt Fische erbeuten. Dies hat zu einer z.T. noch heute andauernden Jagd auf Seehunde geführt. Ein ausgewachsener Seehund benötigt täglich zwischen 6 und 10 Kg Nahrung. Er befindet sich am Ende der Nahrungskette, so dass sich bei ihm die Schadstoffe aus dem Wasser (Schwermetalle, Insektizide, Nitrate, Phosphate etc.) sammeln und zu einer Schwächung des Immunsystems führen können. Auch hier scheint sich ganz langsam die Situation zu verbessern, da die Zuflüsse aus den Binnengewässern in den letzten 20 Jahren zusehens weniger schadstoffbelastet sind.


Foto: Gerhard Schulz

Verhalten
Seehunde sind sehr gesellige Tiere, sie leben an Land in großen Rudeln. Zum Ausruhen suchen sie meist Sandbänke auf, wo man sie beobachten kann. Ihr Leben spielt sich aber in der Hauptsache im Wasser ab. Zeitweilig schlafen sie sogar unter Wasser und kommen nur zum Luftholen an die Oberfläche. Im Wasser sind sie dann eher Einzelgänger. Auch an Land sie sind keine Kontakttiere, d.h. sie meiden den direkten Körperkontakt zu anderen Seehunden.


Foto: Uwe Walz

Fortpflanzung und Entwicklung
Die Paarungszeit der Seehunde ist der Hochsommer. Die Paarung selber findet im Wasser statt. Das befruchtete Ei liegt die ersten Monate in Keimruhe, solange bis die jungen Seehunde des vorangegangenen Wurfs entwöhnt sind. Nach 11 Monaten (eigentlich nur 8 Monate ohne die Keimruhe) Tragezeit bringen sie ihre Jungen an geschützten Klippen oder Sandbänken zur Welt.

Es wird i.d.R. nur ein Junges geboren, welches bei der Geburt ca. 8 – 12 Kg wiegt, bei 80 - 90 cm Körperlänge.

Zur Geburt sondert sich das Weibchen von dem Rudel ab. Die Geburt erfolgt sehr schnell (Sturzgeburt), da mit dem nächsten Hochwasser die Mutter und das Junge schon wieder schwimmen müssen. Vor dem ersten Hochwasser seines Lebens trinkt das Junge bereits bei der Mutter und ruht sich noch etwas aus. Später trinkt das Junge bei jedem Niedrigwasser zwei. bis dreimal. Durch die sehr nahrhafte Milch verdoppelt das Junge sein Körpergewicht bereits im ersten Monat.

Das frisch geborene Junge besitzt ein wasserdichtes Haarkleid und kann seiner Mutter daher bald ins Wasser folgen. Die ersten 6 Wochen sind die kleinen Seehunde noch unselbständig und werden gesäugt. Im Wasser schwimmen sie immer vor der Mutter her. Wenn sie zu erschöpft sind, nimmt sie ihre Mutter auf den Rücken. Diese Wochen sind für die Seehundmutter extrem anstrengend, sie braucht daher fast ihre ganze Speckschicht in der kurzen Zeit auf. Danach beginnen die jungen Seehunde sich selber von kleinen Fischen und Garnelen zu ernähren. Die Jugendsterblichkeit ist sehr hoch, etwa ein drittel der Tiere erreicht nicht das fortpflanzungsfähige Alter. Die Geschlechtsreife wird mit ca. 6 Jahren erreicht; bei Kühen etwas später als bei Bullen.

Seehunde erreichen in Freiheit in Alter von ungefähr 30 Jahren, nur selten werden sie älter.


Foto: Uwe Walz

Seehund-Staupe (Phocine Distemper Virus; PDV)
In den letzten Jahren sind immer wieder epidemische Seehundstaupe-Erkrankungen aufgetreten und haben die Bestände deutlich dezimiert (1988 ca. 18.000, davon 8.500 im Wattenmeer, und im Jahr 2002 ca. 22.000 tote Seehunde insgesamt). Im Wattenmeer haben sich die Bestände jeweils mehr als halbiert.

Die geschwächten Tiere werden auch vermehrt von Parasiten und Bakterien befallen. Der Erreger ist 1988 eingeschleppt worden. Die von Umweltgiften immungeschwächten Seehunden im Wattenmeer fielen ihm reihenweise zum Opfer. Im Gebieten mit sauberem Wasser hat es keine bis wenige verendete Seehunde gegeben (trotz nachgewiesener Infektion). Auf den Menschen ist der Staupe Virus nicht übertragbar, jedoch leiden die befallenen Seehunde an einer Vielzahl von Infektionen, die auch auf den Menschen übergehen können, so dass man sich von erkrankten Tieren fernhalten sollte.


Foto: Uwe Walz

Heuler
Wird die Mutter junger Seehunde gestört, werden oftmals die jungen, noch nicht allein lebensfähigen Seehunde verlassen im Watt gefunden. Ohne die Mutter können sie nicht überleben und versuchen durch ihr Heulen die Mutter zu rufen. Aufgrund ihres lauten Heulens werden sie auch als Heuler bezeichnet. Gesunde Heuler werden z.T. in Seehundstationen aufgenommen und großgezogen. Dort werden nur gesunde Heuler aufgenommen. Über die Aufnahme entscheiden die Seehundjäger (die natürlich nicht mehr jagen, sondern Jagdaufseher im Nationalpark sind), welche zu gefundenen Heulern gerufen werden. Später werden sie dann wieder ausgewildert. Da sie bei der Aufzucht mit vielen Keimen in Berührung kommen ist die Auswilderung der jungen Seehunde umstritten und bedarf strenger Kontrolle. In Dänemark werden beispielsweise keine Heuler aufgezogen, um nicht in die Natur einzugreifen.

Literatur:
Armin Maywald: Die Welt der Seehunde ; Skn Soltau-Kurier



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