Schilfrohrsänger Schilfrohrsänger (Acrocephalus schoenobaenus)
engl. Sedge Warbler

Familie: Rohrsängerverwandte (syn. Zweigsänger) (Acrocephalidae)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)

Autor:Hans-Wilhelm Grömping
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Website: http://www.naturschule.com

Dokument: HWG 00264

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Allgemeines, Aussehen und Beschreibung:
Rohrsänger sind schlanke Singvögel, die wie ihr Name schon andeutet, in der Verlandungszone langsam fließender und stehender Gewässer leben. Geschickt schlüpfen sie dabei durch Seggendickichte, Gebüsch und Rohrwälder. Ihr Schnabel ist schmal und abgeflacht. An der Schnabelbasis stehen einige gut entwickelte Borsten. Das Gefieder ist recht unscheinbar und meist bräunlich. Rohrsänger tragen ihren wissenschaftlichen Namen Acrocephalus (bedeutet Spitzkopf) zu Recht, denn der feine spitze Schnabel geht allmählich in den Kopf über, ohne eine abgesetzte Stirn.
Die mitteleuropäischen Rohrsänger unterscheiden sich recht stark in der Wahl ihrer Vorzugshabitate. Seggenrohrsänger und Drosselrohrsänger besetzen die äußeren bzw. die inneren Habitate der Verlandungszonen von Gewässern mit der höchsten Vegetation im tiefen Wasser (Drosselrohrsänger) bzw. mit der niedrigsten Vegetation mit wenig Wasser (Seggenrohrsänger), während Teich-, Marisken-, Sumpf- und Schilfrohrsänger in dieser Reihenfolge in zunehmend abnehmender Vegetationshöhe und Feuchtigkeit vorkommen.

Schilf-Rohrsänger

Der Schilfrohrsänger ist mit knapp 13 cm Länge ungefähr gleich groß wie der Teichrohrsänger, von dem er sich aber durch einen auffälligen weißlichen Überaugenstreif und eine kräftig gestreifte Oberseite unterscheidet. Nur der Bürzel des Schilfrohrsängers ist ungestreift. Die Unterseite ist rahmfarben und weist gelb braune Flanken auf. Der Scheitel des Schilfrohrsängers kann auch sehr dunkel sein. Dann können die Vögel leicht mit dem Mariskensänger verwechselt werden, der vor allem im Mittelmeerraum vorkommt. Der Schwanz ist ziemlich spitz. Die Jungvögel sind gelber, vor allem am Bürzel und haben matte Flecken an Kehle und vorderer Brust. Mitunter haben Schilfrohrsänger einen schwach rahmfarbenen Streif auf dem Scheitel, was zur Verwechslung mit dem seltenen, weiter ostwärts brütenden Seggenrohrsänger führen kann. Die anderen Rohrsänger haben einen ungestreiften Rücken und können deshalb nicht so leicht mit dem Schilfrohrsänger verwechselt werden.

Verbreitung, Lebensraum und Bestand:
Der Schilfrohrsänger ist in weiten Teilen Europas und im Osten bis nach Zentralsibirien verbreitet. Im Norden reicht das Verbreitungsgebiet bis nach Skandinavien. Im Süden erreicht der Schilfrohrsänger nur an wenigen Stellen das Mittelmeer und fehlt auf der Iberischen Halbinsel. In der Schweiz, die mehr oder weniger am Südrand des Brutgebiets liegt, kam es erst zu zwei sicheren Bruten.
Der europäische Gesamtbestand beträgt 4,4 – 7,4 Millionen Brutpaare; davon brüten in Russland etwa 1,3 – 2,5 Millionen Paare, in Weißrussland 0,6- 0,8 Millionen Paare, in Großbritannien 321.000, in Litauen 300.000 -400.000 und in Finnland 200.000- 400.000 Paare. In Mitteleuropa gibt es insgesamt rund 315.000 – 593.000 Paare, die überwiegend im Osten zu finden sind. So beherbergen Ungarn (170.000- 325.000), Polen (60.000 – 120.000)und Tschechien (40.000-80.000) mit 270.000 – 525.000 Paaren die meisten Schilfrohrsänger. Recht gut ist der Bestand an Schilfrohrsängern noch in den Niederlanden mit 20.000- 25.000 Brutpaaren (im Vergleich dazu hat Deutschland einen Bestand von 6.000- 12.000 Paaren aufzuweisen).
Der Schilfrohrsänger ist Brutvogel stark verlandeter,nasser, aber nicht im Wasser stehender Vegetationszonen. Im Sommer können diese auch trocken fallen. Die Krautschicht kann aus Brennnesseln, hohen Gräsern und aus Seggen bestehen. Einzelne Birken, Weiden oder Erlen, möglichst nicht höher als 4 m, dürfen die Krautschicht überragen. In den unteren Zonen hat das ideale Schilfrohrsängerrevier eine sehr dichte Vegetation.

Nahrung:
Schilfrohrsänger sind in ihrer Nahrungsauswahl recht flexibel. Das Angebot bestimmt weitgehend die Zusammensetzung der Nahrung. Neben Spinnen und kleinen Schnecken, Insekten und deren Larven scheinen Schilfrohrsänger vor allem vor ihrem Wegzug Blattläuse für die Anlage eines Fettdepots zu nutzen.

Gesang und Stimme:
Der Schilfrohrsänger wiederholt seine Gesangselemente viel länger und öfter und lange nicht so gleichmäßig wie der Teichrohrsänger. Sein Gesang klingt metallisch hart und plärrend, die Strophenlänge beträgt etwa zwanzig Sekunden. Zwischendurch sind helle Dreierpfiffe wie „pfi pfi pfi“, „woid woid woid“ oder „tri tri tri“ eingestreut. Schilfrohrsänger sind gute Imitatoren, die die Stimmen vieler anderer Vogelarten mit in ihren Gesang einbeziehen. Während Schilfrohrsänger singen, klettern sie mit aufrechter Körperhaltung an Halmen und Zweigen aufwärts und steigen dann von ihrer Singwarte zu einem kurzen flachen Singflug auf.


Fortpflanzung:
Schilfrohrsänger werden im ersten Lebensjahr geschlechtsreif. Die Partner leben meistens in monogamer Saisonehe zusammen.
Ab Anfang April kehren die Vögel aus ihren Winterquartieren in Afrika (die mittel- und westeuropäischen Schilfrohrsänger überwintern im tropischen Westafrika)zurück. Gleich nach der Rückkehr gründen die Männchen ein Revier; da sie recht reviertreu sind, wird bevorzugt das Revier des Vorjahres besetzt.
Das Schilfrohrsängerweibchen sucht den Nistplatz aus. Das Nest wird meistens recht niedrig (bis etwa 50 cm hoch) in Seggenbülten, Binsenhorsten, in niedrigen Sträuchern und Staudenfluren oder in der Knickschicht des Schilfröhrichts entweder über dem Wasser oder auch über trockenem Grund erbaut. Das Nest ist größer als das des Teichrohrsängers und besteht aus Blättern von Schilf und Seggen und anderem pflanzlichen Material. Nur das Weibchen baut 3-7 Tage am Nest, während das Männchen es bewacht und begleitet. Nach Fertigstellung hat das Nest einen Muldendurchmesser von 50-65 mm und eine Muldentiefe von 46-52 mm. Manchmal wird das Nest mit Stängeln verwoben, es wird aber fast nie an senkrechten Halmen aufgehängt. Frühestens ab Ende April, meist aber später, legt das Weibchen das erste seiner in der Regel 4-6 Eier ab. Täglich wird ein glänzendes, breit ovales, hell oliv-braunes Ei gelegt. Mit Ablage des vorletzten Eies beginnt das Weibchen zu brüten. Nach etwa 14 Tagen schlüpfen die Jungen, die in den ersten Lebenstagen vom Weibchen gehudert werden. In diesen Tagen füttert allein das Männchen, später dann beide Altvögel. 11-14 Tage bleiben die Jungen im Nest. Sie können das Nest bei Störungen aber bereits schon nach 7-9 Tagen verlassen. Nach dem Ausfliegen werden die Jungen zwischen den beiden Altvögeln, deren Partnerbindung nun beendet ist, aufgeteilt. Im Alter von 17-19 Tagen sind die Jungen flugfähig und mit 25-30 Tagen werden sie selbstständig.
Meistens findet nur eine Jahresbrut statt; in günstigen Jahren beträgt der Anteil an Zweitbruten 20-30%. Nach Brutverlust können die Weibchen aber bis zu zwei Ersatzgelege produzieren.


Lebenserwartung und Sterbeursachen:
Rund 75% aller Schilfrohrsänger sterben im ersten Lebensjahr (nach Untersuchungen in Irland/Großbritannien); dreimal wurden Ringvögel mit einem Alter von mindestens 6 Jahren gefunden. In Großbritannien stehen die Bestandszahlen in einem engen Zusammenhang zwischen Niederschlägen während der Regenzeit im westafrikanischem Winterquartier und Sterblichkeit der Altvögel und nicht in einem erkennbaren Zusammenhang mit dem Bruterfolg im jeweiligen Jahr.
In ungeschnittenen Röhrichten kommen deutlich weniger Eier und Jungvögel durch Prädatoren um.

Bauer/Bezzel/Fiedler: Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Passeriformes - Sperlingsvögel, Wiebelsheim.
Delin, Hakan, Svensson, Lars: Der Kosmos-Vogelatlas, Stuttgart.
Glutz und Bauer: Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 12/I- Passeriformes (3.Teil), Sylviidae, Wiesbaden.
Peterson, Roger Tory: Die Vögel Europas, Hamburg und Berlin.
Philipp, Klaus: Vogelstimmen nach Volksmundversen erkannt, Karlsfeld.



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