Orangebaeckchen

Orangebäckchen (Estrilda melpoda)
engl.: Orange-cheeked Waxbill

Familie: Prachtfinken (Estrildidae)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)

Autor: Hans-Wilhelm Grömping
Mail: hwgroemping@naturschule.com
Website: http://www.naturschule.com

Dokument: HWG 00246

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Allgemeines:
Die Familie der Prachtfinken, zu der das Orangebäckchen gehört, besteht nach Hans-E. Wolters aus 131 Arten, die in 49 Gattungen zusammengefasst werden. Prachtfinken sind nur in den wärmeren Gebieten der Alten Welt verbreitet. In Amerika kommen sie ebenso wenig  vor wie in Europa. Die meisten Arten leben in Afrika, insgesamt 63. In Süd- und Südostasien einschließlich der Inseln Indonesiens und der Philippinen, in Australien und auf den Inseln Neuguineas sowie auf vielen Inseln des Westpazifiks leben weitere Prachtfinkarten.

Die Jungen aller Prachtfinken haben bemerkenswerte Rachenzeichnungen. Bei fast allen Arten haben die Jungen dunkle Flecken oder Striche im gelb, rötlich, weißlich oder hellblau gezeichneten Rachen. Auch auf der Zunge finden sich diese Flecken. Diese Rachenzeichnungen lösen wahrscheinlich erst den Fütterungstrieb der Eltern aus. Neben den Rachenzeichnungen haben Prachtfinkenjunge häufig auch hirsekorngroße Warzen in den Schnabelwinkeln, die Papillen. Diese sind zu zweit oder dritt angeordnet und bilden oft einen Farbkontrast zu ihrer Umgebung. Auch sie scheinen den Zweck zu erfüllen, „den Weg in den Rachen zu weisen“. Die Rachenzeichnungen bleiben auch im Erwachsenenalter erhalten, die Papillen schrumpfen dagegen und verschwinden.

Prachtfinken sind beliebte Brutwirte der Witwen, einer Vogelfamilie, die mit den Webervögeln nahe verwandt ist. Die jungen Witwen weisen die gleichen Rachenzeichnungen auf  wie die Jungen der Wirte. Witwen legen jeweils nur ein Ei in das Nest ihres Wirtes. Das Ei gleicht dem Wirtsei völlig, ist nur etwas größer. Die jungen Witwen wachsen gemeinsam mit den Prachtfinken auf, sie werfen also ihre Stiefgeschwister nicht wie die Jungen unseres Kuckucks aus dem Nest. Die meisten Witwenvögel sind spezialisiert auf nur eine oder wenige Prachtfinkenarten.

Beschreibung:
Orangebäckchen  werden 10 cm groß. Die Geschlechter sind sich sehr ähnlich und weisen die gleichen Farben im Gefieder auf, doch sind die Weibchen etwas wärmer im Farbton und haben einen meistens etwas kürzeren Schwanz. Der Schnabel des Orangebäckchens ist rot, das Auge ist braun und die Beine sind ebenfalls braun. Auffälligstes Kennzeichen sind die orangen Wangenflecke. Kopf und Nacken sind hell grau, Rücken, Flügel und Flügeldecken weisen eine warmen rotbraunen Farbton auf. Die Oberschwanzdecke und der Bürzel sind scharlachrot. Die schwarzen Schwanzfedern kontrastieren zu den weißen Unterschwandecken. Die Kehle des Orangebäckchens ist sehr hell grau, Bauch und Brust sind dunkler grau.

Verbreitung und Bestand:
Das Orangebäckchen kommt in drei Unterarten im westlichen und mittleren Afrika vor. Die Unterart Estrilda melpoda melpoda ( Fotos aus Gambia) ist in Westafrika von Gambia und vom Senegal über Mali durch das westliche und südliche Nigeria bis ins westliche Kamerun und bis zum westlichen Angola verbreitet.

Die Unterart Estrilda melpoda tschadensis ist im südwestlichen Tschad, im Nordosten Nigerias und im Norden Kameruns zu finden. Die dritte Unterart, Estrilda melpoda fucata, bewohnt mit Ausnahme des Westens das gesamte Zaire und kommt außerdem im Osten Kameruns, im Westen und Süden der Zentralafrikanischen Republik und im Nordosten Sambias und Angolas vor.

In weiten Teilen seines Verbreitungsgebietes ist das Orangebäckchen ein häufiger Vogel, mancherorts sogar sehr häufig.

Lebensraum:
Orangebäckchen kommen in Savannen mit hohen Grasbeständen vor, ferner im dichten Graswuchs von Galeriewäldern, an Waldrändern, auf Lichtungen, an Ufern, in Sümpfen, aber auch an Wegen, Feldrändern und auf abgeernteten Feldern. Überall dort, wo es dichte Gebüsche und viel Gras gibt, fühlen sich die Prachtfinken wohl.

Nahrung:
Orangebäckchen leben in erster Linie von Samen der zahlreichen Süßgräser, die sie in den Savannen und Steppen reichlich finden, vom Boden aufpicken oder direkt vom Halm aus den Rispen picken. Auch Insekten werden erbeutet; die Jungen benötigen viel tierisches Futter und kleinste Insekten.

Stimme und Lautäußerungen:
Ein helles „sit“ oder „zit“ ist der Kontaktruf des Orangebäckchens; aus der Distanz ruft es lauter und etwas lang gezogen „sjii“ oder „sriie“. Der Warnruf ist ein schrilles, etwas nasales „tzit“, „tziiet“ oder „zirzit“. Von aufgeregten oder neugierigen Orangebäckchen hört man ein wisperndes „sri-sri-sri“. Der Gesang hört sich recht unterschiedlich an und kann klingen wie „zi-riri“ oder „zick-zick-zeli“.

Paarbildung, Jungenaufzucht und Lebenserwartung:
In der Brutzeit, die in die Regenzeit fällt, zieht sich das sonst so gesellige Orangebäckchen paarweise zurück. Das Nest wird in Grasbulte oder in niedrige Gebüsche direkt am Boden oder in Bodennähe gebaut, versteckt zwischen Gräsern und anderen Pflanzen. Rispen und Halme werden vom Männchen als Nistmaterial herbeigeschafft und vom Weibchen zu einem kugelförmigen Nest zusammengefügt, das eine längere enge Einschlupfröhre aufweist. Über das eigentliche Nest wird meistens noch ein anderes Nest gebaut, das vermutlich den Zweck erfüllt, mögliche Nesträuber vom eigentlichen Nest abzulenken. Das Weibchen legt nach der vielgestaltigen, interessanten Balz 4-6 Eier. Die Jungen schlüpfen nach einer Brutdauer von 12 Tagen. In den ersten zehn Lebenstagen werden die Jungen nachts gehudert. Nach 21 Tagen verlassen sie das Nest. Zum Schlafen werden die Jungen noch zwei weitere Wochen lang von den Altvögeln ins Brutnest geführt, in den ersten Tagen nach dem Verlassen des Nestes sogar mehrmals am Tag. Dann sind die Jungen selbstständig und im Alter von 3 Monaten ins Erwachsenenkleid gemausert.
Die durchschnittliche Lebenserwartung des Orangebäckchens und anderer Prachtfinken dürfte geringer als zwei Jahre sein. In der Natur sind sie sehr vielen Gefahren ausgesetzt. Schlangen, Echsen, Greifvögel und Säugetiere stellen ihnen nach, aber auch schwere Unwetter, die in den Tropen gewaltig sein können, kosten oft zahlreichen Prachtfinken das Leben. In Gefangenschaft erreichen Orangebäckchen mindestens ein Alter von 7 Jahren, einzelne Vögel können gar 12 oder 13 Jahre alt werden.

Besonderheiten:
Das Orangebäckchen ist ein beliebter Volierenvogel, der schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich gehalten und nachgezogen wurde. Wie alle Prachtfinken benötigt es aber Temperaturen von mindestens 18 Grad, um sich wohl zu fühlen.

Literatur:
Barlow, Clive und Wacher, Tim: Birds oft the Gambia and Senegal, London 2005.
Bielfeld, Horst: Das Prachtfinkenbuch, Stuttgart, 1996.



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