Baumpieper

Baumpieper (Anthus trivialis)

Gattung: Anthus (Pieper)
Familie: Stelzen und Pieper (Motacillidae)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Klasse: Vögel (Aves)

Autor:Hans-Wilhelm Grömping
Mail:hwgroemping@naturschule.com
Website: http://www.naturschule.com

Dokument: HWG 00240

► mehr Vögel


Allgemeines, Beschreibung und Verhalten:
Weltweit gibt es 43 Pieper-Arten (Gattung Anthus), die sich zum Teil sehr ähneln. In Mitteleuropa brüten vier Arten und 2-3 weitere kommen als Überwinterer bzw. Durchzügler ins Gebiet. Am leichtesten sind diese Arten an der Stimme und am Gesang zu unterscheiden.
Baumpieper werden gut 15 cm groß und sind besonders leicht mit Wiesenpiepern zu verwechseln, der zweiten recht häufig in Mitteleuropa vorkommenden Pieperart. Wenn man die Stimme bzw. den Gesang der Arten nicht kennt oder nicht zu hören bekommt, ist die etwas kräftigere Gestalt und der etwas stärkere Schnabel ein- wenn auch nicht sicheres- Unterscheidungsmerkmal. Die gelbliche Brust, die rötlichen Beine und die kurzen Hinterzehenkrallen sind weitere Merkmale, die den Baumpieper vom Wiesenpieper unterscheiden. Allerdings wird man diese Kennzeichen nur in den seltensten Fällen so deutlich wahrnehmen können.
Baumpieper haben eine braune Oberseite mit schwärzlichen Streifen. Die Unterseite ist gelblich rahmfarben. Baumpieper haben einen schwarzen Bartstreif, eine kräftig gestreifte Brust und gestreifte Flanken, der Überaugenstreif ist gelblich. Die weißen äußeren Steuerfedern fallen vor allem im Flug auf. Im Vergleich zum ebenfalls recht ähnlichen Strandpieper sind Baumpieper heller und kleiner.
Baumpieper sitzen gern auf Bäumen (Name!) und starten ihre kurzen Singflüge von deren Spitzen. Dabei steigen sie geradlinig auf, beginnen ihre Strophe kurz vor dem höchsten Punkt, wenden um 180-Grad und lassen sich mit gewinkelten Flügeln, gestelztem Schwanze und herabhängenden Beinen fallschirmartig zu ihrem Ausgangspunkt oder zu einer anderen Singwarte herabgleiten.

Baumpieper am Boden

Verbreitung, Lebensraum und Bestand:
Baumpieper sind von Norwegen, Großbritannien (die Inseln im Norden und Westen sind nicht besiedelt), Westfrankreich und Nordspanien (Nordspanien bildet die südliche Verbreitungsgrenze) über ganz Europa und Asien bis nach West- und Mittelsibirien verbreitet. Im Gebirge sind Baumpieper bis hinauf zur Baumgrenze zu finden, in den Schweizer Bergen noch in Höhen um 2300 m.
Sie bewohnen offenes bis halb offenes Gelände mit einzelnen Baumgruppen und hohen Singwarten, Lichtungen und Waldränder. Dichte Wälder und sehr schattige Flecken werden gemieden. Typische Brutgebiete sind aufgelockerte und sonnige Waldränder, Kahlschläge und Lichtungen, frische Aufforstungen, Heide- und Moorflächen mit einzelstehenden Bäumen, auch Streuobstbestände mit Brachestadien.

Der Bestand schwankt kurzfristig stark, lange Zeit wurden aber keine längerfristigen Trends in Europa deutlich. Doch seit etwa 1970 kam es in vielen Gegenden Mitteleuropas zu zum Teil drastischen Bestandsrückgängen, die mancherorts zum Erlöschen lokaler Populationen führten.
In weiten Teilen Europas ist der Baumpieper aber noch immer ein verbreiteter und häufiger Brutvogel. Der Gesamtbestand in Europa beträgt etwa 27-42 Millionen Brutpaare. Mehr als eine Millionen Brutpaare sind in Russland (15-20 Millionen), Schweden (3-7 Millionen), Finnland (1,3-1,7 Millionen), Norwegen (1-2 Millionen), in der Ukraine und in Weißrussland zu finden. In Mitteleuropa brüten rund 2-3,5 Millionen Paare, davon in Deutschland 500.000- 880.000, in Österreich 35.000-70.000, in der Schweiz 50.000-70.000 und in den Niederlanden 35.000-45.000.

Fortpflanzung, Jungenaufzucht und Lebenserwartung:
Ab Ende März treffen die ersten Baumpieper in ihren Brutgebieten ein. Es sind Männchen, die sofort ein Revier, meist ganz in der Nähe ihres vorjährigen Brutplatzes, besetzen. Die Weibchen kommen ein paar Tage später zurück. Da Männchen und Weibchen eine große Gebietstreue zeigen, kommt es häufig zu Wiederverpaarungen alter Brutpartner, die dann in monogamer Saisonehe zusammenleben. Während der Brutzeit sind sowohl Männchen als auch Weibchen Artgenossen gegenüber aggressiv. Es kommt dann sogar zu Luftkämpfen. Den Neststandort sucht das Weibchen aus. Es baut aus Material der Umgebung ein Bodennest mit Sichtschutz nach oben, zum Beispiel unter Zwergsträuchern wie Heidekraut, unter Grasbulten, unter kleinen Büschen und Farn. Bevorzugt werden die Nester an der wettergeschützten Seite errichtet. Das napfförmige Nest weist einen Muldendurchmesser von 6-7 cm auf und eine Muldentiefe von etwa 4 cm. Vier bis sechs Tage ist das Weibchen allein mit dem Nestbau beschäftigt. In Mitteleuropa beginnt das Weibchen im letzten Aprildrittel mit der Ablage seiner glänzenden, 3-6 elliptischen Eier. Die Eier sind sehr unterschiedlich gefärbt, sind in der Regel aber dicht gefleckt. Während der Brut bewacht das Männchen sein Weibchen, das 12-14 Tage alleine brütet, bis die Jungen schlüpfen. Nach dem Schlüpfen werden die Jungen von beiden Partnern gefüttert. Nach 10-12 weiteren Tagen verlassen die jungen Baumpieper das Nest, bei Störungen auch schon eher. Das Nest wird nach dem Verlassen von den Jungen nicht mehr aufgesucht. Im Alter von 13-14 Tagen können die Jungen kürzere Strecken flatternd zurücklegen, mit 18-19 Tagen sind sie voll flugfähig. Flugfähige Jungen werden weitere zwei Wochen von den Altvögeln betreut, bevor sie gänzlich selbständig sind. Manchmal brüten Baumpieper auch ein zweites Mal. Dann betreuen allein die Männchen die flügge gewordenen Jungvögel bis zur völligen Selbständigkeit.
Durchschnittlich werden Baumpieper etwa 1,5 Jahre alt. Der älteste Ringvogel war 8 Jahre und 2 Monate alt. Die meisten Verluste entstehen durch Störungen am Nest, die z.B. durch freilaufende Hunde verursacht werden, durch Witterung und durch Parasitisierung durch den Kuckuck.

Nahrung:
Baumpieper suchen ihre Nahrung überwiegend am Boden und fressen vor allem kleine Insekten. Als Nestlingsnahrung dienen Raupen, Heuschrecken, Spinnen, Köcherfliegen und Hautflüglerlarven sowie Dipteren. Die Zusammensetzung der Nahrung wird dabei stark vom Angebot geprägt. Nur im Frühjahr und im Herbst nehmen Baumpieper auch pflanzliche Nahrung zu sich.

Besonderes:
Bei Gefahr verleitet das Baumpieperweibchen, d.h. es lenkt potenzielle Feinde vom Nest bzw. den kleinen Jungen ab, indem es sich krank stellt und eine Flügellähmung vortäuscht.
Mit Futter zurückkehrende Baumpieper fliegen niemals direkt zum Nest, sondern landen in 10-20 m Entfernung, um dann die letzten Meter zu Fuß zurückzulegen.
Bei Baumpiepern wurde mehrmals Bigynie nachgewiesen, d.h. ein Männchen ist mit zwei Weibchen verpaart und muss dann für die Nachkommen aus beiden Beziehungen sorgen.


Literatur:
Bauer, Bezzel, Fiedler: Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Passeriformes - Sperlingsvögel, Wiebelsheim.
Glutz und Bauer: Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 13- Passeriformes (4.Teil), Wiesbaden.
Nicolai, Jürgen: Fotoatlas der Vögel, München.
Peterson u.a.: Die Vögel Europas, Hamburg und Berlin.



Alle gezeigten Texte und Bilder unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Eine Kopie oder Nutzung ausserhalb des Natur-lexikon.com ist nur nach ausdrücklicher Genehmigung des Autors / Fotografen gestattet. Eine Einbindung der Bilder in fremde Webseiten ist grundsätzlich nicht gestattet. Mit der Nutzung der Website Natur-Lexikon.com stimmen Sie der Nutzung von Cookies und der Bearbeitung der über Sie erhobenen Daten durch Google zu. Weitere Details entnehmen Sie den Informationen zum Datenschutz. Die gezeigten Inhalte dienen der Weiterbildung.

Baumpieper

Natur-Lexikon.com