Mornellregenpfeifer

Mornellregenpfeifer (Charadrius morinellus)

Familie: Regenpfeifer (Charadriidae)
Ordnung: Wat-, Möwen-, Alkenvögel (Charadriiformes)
Klasse: Vögel (Aves)

Autor:Hans-Wilhelm Grömping
Mail:hwgroemping@naturschule.com
Website: http://www.naturschule.com

Dokument: HWG 00237

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Beschreibung, Verhalten und Stimme:
Mornellregenpfeifer sind nicht ganz amselgroß. Das Weibchen wird knapp 22 cm groß, das Männchen ist etwas kleiner. Mit einem Gewicht von 86-116 g sind die Männchen auch deutlich leichter als die Weibchen mit 99 – 142g.
Gekennzeichnet sind Mornellregenpfeifer durch einen breiten weißen Überaugenstreif und ein schmales weißes Brustband. Sowohl Überaugenstreif als auch Brustband sind im Ruhekleid weniger deutlich, aber immer kennzeichnend. Im Brutkleid ist die Unterseite rostbraun, im Ruhekleid blass gräulichbraun. Die Weibchen sind intensiver als die Männchen gefärbt. Im Fluge erscheinen Mornellregenpfeifer gedrungen und kurzschwänzig. Die Beine sind gelblich.
Mornellregenpfeifer sind besonders zutrauliche Vögel. Der schwedische Naturschriftsteller Bengt Berg beschreibt in seinem Buch „Mein Freund der Regenpfeifer“ das Verhalten eines brütenden männlichen Mornellregenpfeifers, der sogar in der Hand des Autors brütete.
Mornellregenpfeifer sind wenig ruffreudig. Die Stimmfühlungsrufe sind nur schwer lokalisierbar und klingen sanft „drü drü“ oder „püe...“. Vor dem Aufflug hört man ein weiches „pitpitpit“ oder trillernd „wjürrr“. Bei der Bodenbalz geben die Weibchen oft zwitschernde abwechslungsreiche Laute von sich; der Warnruf klingt wie „pit-pit-pita-pita-piü“.

Verbreitung und Bestand:
Mornellregenpfeifer sind in den Tundren von Skandinavien bis nach Ost-Sibirien verbreitet. Außerdem gibt es sehr kleine Populationen des Mornells in einigen Regionen Europas und im zentralsibirischen Bergland. In Mitteleuropa gibt es nur sehr wenige Paare (4-9) in der Schweiz, in Österreich sowie –allerdings nicht in jedem Jahr- in Tschechien und Polen.
In Europa beträgt der Gesamtbestand der Art rund 11.000 bis 42.000 Brutpaare. Am häufigsten ist der Mornellregenpfeifer in Norwegen (5000 bis 15000 Paare), in Russland (2000-14.000), Schweden (3000-10.000) und Finnland (500-2000). Auch in Großbritannien kommen noch 510-750 Brutpaare vor.

Lebensraum und Nahrung:
In den Alpen brütet der Mornellregenpfeifer vereinzelt auf kargen, mit Krummseggen bewachsenen Plateaus auf rund 2000 m Höhe. An der niederländischen Küste fand man einige Brutplätze in trockengelegten Poldern. Auf dem Zug rasten Mornells auf kurzrasigen Wiesen und Weiden in offener Landschaft und auf Salzsteppen sowie in steppenähnlichen trockenen Flächen. Die Brutgebiete sind selbst im Hochgebirge weiträumig und offen, die Vegetation ist lückig und niedrig. Der Mornellregenpfeifer ist ein Brutvogel der Tundra und von Flächen über der Baumgrenze. Die Mornells leben überwiegend von Insekten und Spinnen und nehmen auch Regenwürmer und kleine Schnecken zu sich. Pflanzenteile und Samen werden nur gelegentlich verzehrt.

Fortpflanzung und Lebenserwartung:
Die meisten Mornellregenpfeifer brüten erst im 2. Lebensjahr. Bald schon nach ihrer Ankunft im Brutgebiet beginnen die Vögel mit ihrer Balz, in Mitteleuropa ist das im Mai. In den Alpen sind dann die Bergrücken oft noch verschneit. Bei der Balz sind die Rollen der Geschlechter vertauscht. Die aktiveren Weibchen sind größer, auffälliger gezeichnet und versuchen, ein Männchen von der Balzgruppe fortzulocken, um es an sich zu binden. Die Weibchen machen Singflüge und jagen die kleineren Männchen durch das Revier.

Die Männchen scharren dann eine nur angedeutete Nestmulde und legen sie mit wenig Pflanzenteilen aus. Das Nest findet sich am häufigsten in niedriger Vegetation an etwas erhöhten Stellen. Im Norden Europas ist der Legebeginn nicht vor Juni, in den Alpen und in Schottland brüten die Vögel ab Mitte Mai. Das Gelege besteht aus 2-4, meist aber 3 kreiselförmigen Eiern, die im Abstand von 24-36 Stunden gelegt werden Die Eier sind auf olivgrauem bis olivbraunem Grund dunkelbraun oder schwarz gefleckt. Die Jungen schlüpfen nach 24-28 Tagen. Zuvor hat fast ausschließlich das Männchen die Eier ausgebrütet. Das Weibchen bleibt in Nestnähe und schließt sich der restlichen Familie nach dem Schlüpfen der Jungen wieder lose an. Nach 10-30 Stunden verlassen die Jungen bereits das Nest und sind mit 26-30 Tagen flügge. Im Jahr findet nur eine Brut statt. Ein Weibchen hat aber manchmal zwei oder sogar drei Gelege und beschäftigt so mehrere Männchen gleichzeitig. Der Zusammenhalt der Paare dauert meistens nur bis zum Schlüpfen oder bis zu den ersten Lebenstagen der Küken. In den ersten Lebenstagen ist die Sterblichkeit der Jungen oft sehr hoch und vom Wetter abhängig.
Der älteste Ringvogel in Finnland war mindestens 8 Jahre und 10 Monate alt.

Besonderheiten:
Zum Rollentausch der Geschlechter kommt es nur bei wenigen Vogelarten Europas. Auch bei Thors- und Odinshühnchen tauschen Männchen und Weibchen die Rollen.

Literatur:
Bauer/Bezzel/Fiedler: Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Nonpasseriformes – Nichtsperlingsvögel, Wiebelsheim 2005.
Nicolai, Jürgen: Fotoatlas der Vögel, München.
Peterson, Mountfort, Hollom: Die Vögel Europas, Hamburg und Berlin.

Linktipp:
http://www.naturschule.com/Monatstier-2006/Sept-06/Mornellregenpfeifer.htm



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