Gänsegeier

Gänsegeier (Gyps fulvus)

Gattung : Geier (Gyps)
Familie: Habichtartige (Accipitridae)
Ordnung: Greifvögel (Falconiformes)

Autor: Hans-Wilhelm Grömping
Mail: hwgroemping@naturschule.com
Website: http://www.naturschule.com

Dokument: HWG 00216

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Kennzeichen und Beschreibung:
Gänsegeier sind sehr große hell gefärbte Geier mit dunklen Flügeln und dunklem Schwanz, die die stattliche Größe von 97-104 cm erreichen und eine Flügelspannweite von bis zu 2,80 m aufweisen und damit noch größer als Seeadler sind. Der kleine Kopf und der lange, gänseartige Hals sind unbefiedert, aber mehr oder weniger dicht bedunt. Unterschiedlich ausgeprägt ist die Halskrause, die bei ausgewachsenen Vögeln aus flaumigen weißen Dunen besteht, bei jungen Geiern aber aus schmalen und fransigen gelbbraunen Federn. Das Flugbild ist durch die sehr langen und breiten Flügel gekennzeichnet, deren Handfittich stark aufgefingert ist, und den sehr kurzen, eckigen Schwanz. Gänsegeier segeln ausdauernd; der schwere Körper des Geiers hängt durch sein hohes Gewicht wie der Bauch eines Flugzeuges im Fluge nach unten durch. Aus der Nähe erkennt man die beim Altvogel gelbbraune bis schmutziggelbe Iris. Die Iris bei älteren Junggeiern ist nussbraun. Etwa 4 bis 5 Jahre dauert es, bis das Gefieder der jungen Geier so wie das der ausgewachsenen Geier gefärbt ist. Männchen und Weibchen sind bei Gänsegeiern gleich gefärbt.

Verhalten:
Bei beginnender Erwärmung verlassen die Geier ihre Schlafplätze und nutzen die Thermik. Als Felsbrüter sind sie ohnehin stark von der Thermik abhängig. Hoch kreisend suchen sie zum Nahrungserwerb ihren Lebensraum ab. Dabei achten sie auch sehr auf das Verhalten ihrer Artgenossen. Selbst aus einer Höhe von mehr als 3000m können sie Kadaver von etwa einem Meter Durchmesser noch erkennen. Am Aas sind Gänsegeier extrem vorsichtig- sie nehmen den Kadaver erst an, nachdem sie sich lange vorher abgesichert haben. Beim Fressen sind sie ebenso gesellig wie am Schlaf- und Brutplatz.

Verbreitung , Vorkommen und Bestand:
In Trockengebieten Südeuropas, Nordafrikas, Vorder- und Zentralasiens bis zur Mongolei sowie Nordindien und Bangla Desh sind Gänsegeier verbreitet. Ursprünglich waren diese Vögel in Europa weiter verbreitet, doch aufgrund hartnäckiger Verfolgung nicht nur in historischer Zeit ist der Gänsegeier heute weder in Italien noch in Griechenland oder Rumänien und Bulgarien mehr Brutvogel. Auch der Übergang von der extensiven Weidewirtschaft zur intensiven Stallhaltung schadete dem Gänsegeier sehr.

In Deutschland waren Gänsegeier bis ins 13. Jahrhundert Brutvögel, heute tauchen sie vereinzelt wieder als Sommergäste in den Ostalpen auf. Insgesamt leben in Europa noch rund 19.000-21.000 Gänsegeier-Brutpaare. Der Großteil des Gesamtbestandes brütet in Spanien (ca. 18.000 paare), nennenswerte Bestände von mehr als 200 Brutpaaren gibt es zudem noch in der Türkei, in Frankreich, Portugal und Russland. In den letzten Jahrzehnten wurde die negative Bestandsentwicklung vor allem in Spanien, aber auch in Frankreich, gestoppt und umgekehrt.

Ernährung:
Gänsegeier ernähren sich ausschließlich von toten Tieren, besonders von großen und mittelgroßen Säugetieren. Der Kadaver kann noch frisch oder auch schon in Verwesung übergegangen sein. Aufgenommen werden das Muskelfleisch und die Eingeweide - Sehnen, Haut und Knochen werden nicht gefressen. Lebende Tiere werden nicht angegriffen. Mit dem kräftigen Schnabel vermag der Gänsegeier auch die ledrige Haut von Großtieren aufzureißen Der lange Hals ermöglicht dem Geier das für uns so unappetitliche Eindringen durch natürliche Körperöffnungen der toten Beute. Die kurzen Federchen, die um den Hals stehen, lassen sich beim anschließenden Bad leichter von Blut und Eingeweideresten reinigen als das übrige Gefieder.

Fortpflanzung und Lebenserwartung:
Gänsegeier sind ausgesprochen gesellige Tiere, die in Kolonien zusammen brüten. Geschlechtsreif werden die Vögel mit 4 bis 5, manchmal erst 6 oder 7 Jahren. Vermutlich führen Gänsegeier eine monogame Dauerehe. In Felshöhlen, in überdachten Felsnischen, aber auch auf offenen Felsbändern errichten die Geier ihr Nest aus dünnen Zweigen. Der Bau erreicht einen Durchmesser von 60-100 cm und hat eine Höhe von 20-30 cm. Mehrjährige Nester werden im Laufe der Zeit noch größer. Die Nestmulde wird oft mit Grünzeug ausgelegt. Schon im Januar/Februar, in rauen Lagen im März, legen die Gänsegeier ihr Ei. Dieses ist breitoval bis rundlich geformt, meistens weiß und manchmal rostbraun gefleckt. Männchen und Weibchen wechseln sich bei der Bebrütung ihres Eies ab. Nach 48-54 Tagen schlüpft das Junge. Sehr selten werden auch 2 Eier bebrütet, die dann wohl von zwei Weibchen stammen. Die erwachsenen Geier füttern ihre Jungen mit unverdauter Nahrung aus dem Kropf und hudern sie zuerst sehr intensiv. 110 bis 115 Tage bleiben die Junggeier im Nest und werden nach dem Ausfliegen noch weiter von den Eltern bis in den September hinein gefüttert.

Geier können sehr alt werden. Das bekannt gewordene absolute Höchstalter eines Gänsegeiers betrug 55 Jahre, sechs Vögel wurden in Gefangenschaft zwischen 34 und 37 Jahre alt.


Literatur:
Bauer/Bezzel/Fiedler: Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas- Nonpasseriformes, Wiebelsheim.
Der Falke- Das Journal für Vogelbeobachter, Heft 10-Oktober 2000, Wiebelsheim.
Glutz von Blotzheim, Urs, Bauer, Kurt, Bezzel, Einhard: Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 4- Falconiformes, Frankfurt am Main.



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