Gartenbaumläufer

Gartenbaumläufer (Certhia brachydactyla)

Familie: Baumläufer (Certhiidae)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Klasse: Vögel (Aves)

Autor: Hans-Wilhelm Grömping
Website: http://www.naturschule.com

Dokument: HWG 00213

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Nur durch Zufall werde ich bei einem Spaziergang auf ein kleines Vögelchen aufmerksam. Wenig scheu fliegt es in Augenhöhe an einen nur einige Meter entfernten Baumstamm und beginnt diesen empor zu klettern. Bald darauf ist es nicht mehr zu sehen, befindet es sich doch nun auf der mir abgewandten Seite des Baumes, taucht dann jedoch wieder etwas höher am selben Baumstamm auf.
Nun fliegt es weg- doch schon am nächsten Baum landet es wiederum am unteren Stammbereich. Spiralförmig klettert der graubraune Vogel auch diesmal den Baum hoch, dabei stochert er mit seinem langen, dünnen, gebogenen Schnabel in den Ritzen der Borke herum, um ab und zu kleine Insekten und Spinnen herauszuholen.
Schaut man einen kurzen Moment weg, ist es ungeheuer schwer, den Gartenbaumläufer am rissigen Baumstamm wieder zu finden. Zu gut ist nämlich seine Tarnung: das Gefieder des ohnehin sehr kleinen Vogels ist nicht nur mausgraubraun, sondern auch noch gemustert wie die Rinde. Diese Schutztracht macht den Vogel nahezu unsichtbar. Vielleicht ist sie auch der Grund dafür, dass die meisten Menschen den Gartenbaumläufer gar nicht kennen oder für sehr selten halten.

Dabei ist diese Art eigentlich in fast jedem Park und jedem lichten Wald recht häufig zu finden. Selbst in größeren Gärten wird man sie mit einmal geschärftem Blick entdecken können, wenn nur einige Bäume mit rissiger Rinde vorhanden sind. Auch strenge Winter überstehen Baumläufer in der Regel ohne größere Probleme, denn die von ihnen aufgesuchten Baumstämme weisen ein reiches und vom Wetter ziemlich unabhängiges Kleintierleben auf.

So können Baumläufer auch schon zeitig im Jahr zur Brut schreiten und gehören zu den ersten Brutvögeln des Jahres. Sie brüten in Spalten und Rissen von Bäumen oder hinter abstehender Rinde, manchmal auch in Spalten und Ritzen von Häusern. Es gibt spezielle Nistkästen, die die Ansiedlung von Baumläufern fördern: der Eingang dieser Nistkästen befindet sich auf der Rückseite direkt am Stamm. Diese Nistkästen werden von den Baumläufern gerne angenommen, sie bringen wegen des anscheinend fehlenden Eingangsloches aber auch manchen Spaziergänger zum Grübeln.
Der Gartenbaumläufer hat noch eine Zwillingsart, den Waldbaumläufer. Wie alle Zwillingsarten sind auch die beiden Baumläuferarten am sichersten am Gesang zu unterscheiden. Der Waldbaumläufer kommt jedoch mehr im Berg- oder Hügelland vor und meidet die ebenen Landschaften.

Verbreitung und Bestand:
Von Nordwestafrika bis an den Ärmelkanal und die südliche Nordseeküste und den südwestlichsten Teil der Ostsee verbreitet; nach Osten ist der Gartenbaumläufer bis ins westliche Weißrussland, an die westliche Schwarzmeer-Küste und bis Anatolien zu finden. Das südlichste Vorkommen findet sich auf Kreta und in Ost-Zypern. In waldreicheren und höheren Mittelgebirgslagen ist der Gartenbaumläufer nicht oder nur spärlich vorhanden. In waldärmeren Gebieten ist der Gartenbaumläufer häufiger als der Waldbaumläufer. Der Gesamtbestand der Art in Europa beträgt zwischen 2,7- 9,7 Millionen Brutpaaren. In Deutschland brüten 270.000-740.000 Paare, in Österreich 9.000-18.000 Paare, in der Schweiz 30.000 – 60.000 Paare, in den Niederlanden 80.000-120.000 und in Belgien 20.000 – 100.000 Paare.

Lebensraum:
In Laub- und Mischwäldern des Tieflandes, auch in kleineren Baumbeständen wie Hecken, Parkanlagen, Gärten, Alleen und Feldgehölzen, selbst an Einzelbäumen und in Hochstammobstbaumanlagen ist der Gartenbaumläufer heimisch. Im Unterschied zum Waldbaumläufer besiedelt der Gartenbaumläufer auch städtische Anlagen und Baumgruppen in sonst offenen Landschaften, beispielsweise um Einzelhöfe. Bäume mir rissiger Borke werden bevorzugt. In reinen Buchenbeständen fehlt der Vogel deshalb.

Nahrung:
Neben Kleininsekten und deren Larven und Puppen frisst der Gartenbaumläufer vor allem Spinnen. Regional ist er auch an winterlichen Futterstellen zu finden und nimmt Fettfuttergemisch auf.

Fortpflanzung und Lebenserwartung:
Gegen Ende des ersten Lebensjahres werden Gartenbaumläufer geschlechtsreif. Die Partner leben in monogamer Saisonehe. Im Spätwinter werden die Reviere gegründet, die oft dauerhaft bewohnt werden. Mitte Februar bis Mitte März werden die potentiellen Nistplätze bezogen. Das Weibchen sucht dann den endgültigen Nistplatz aus. Die Größe und die Form des Nestes wird bestimmt durch die Größe der Nische oder Höhle, in der das Nest angelegt wird. Das Nest wird aus Reisern, Bastfasern, Halmen und Gespinsten erbaut. Die Nestmulde wird meistens mit kleinen Federn ausgekleidet. Das Männchen trägt die Unterlagen herbei, das Weibchen baut damit das Nest fertig. Nach 4-9 Tagen ist es vollendet. Frühestens ab Mitte März beginnt das Weibchen mit der Eiablage. Die in der Regel 5 oder 6 Eier werden in 13-15 Tagen allein vom Weibchen ausgebrütet. Die Jungen schlüpfen gleichzeitig aus. Das Weibchen hudert sie, beide Partner füttern. Nach 16-18 Tagen verlassen die Jungen das Nest, werden aber noch einige Tage von ihren Eltern gefüttert. Es finden eine oder zwei Jahresbruten statt. Die Zweitbruten können im selben Nest oder in einem neuen Nest stattfinden. Geeignete Spalten und andere Neststandorte werden oft mehrere Jahre nacheinander benutzt.
Die ältesten Ringvögel wurden 6 Jahre und 6 Monate sowie 5 Jahre und 8 Monate alt.

Literatur:
Bauer/Bezzel/Fiedler: Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Passeriformes – Sperlingsvögel, Wiebelsheim 2005.



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