Gebirgsstelze Männchen

Gebirgsstelze (Motacilla cinerea)

Familie: Stelzen (Motacillidae)
Unterordnung: Singvögel (Passeres)
Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Klasse: Vögel (Aves)

Autor:Hans-Wilhelm Grömping
Mail:hwgroemping@naturschule.com
Website: http://www.naturschule.com

Dokument: HWG 00209

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Männchen der Gebirgsstelze

Beschreibung und Stimme
Neben der Schafstelze ist die Gebirgsstelze die zweite in Mitteleuropa vorkommende gelbe Stelzenart. Im Vergleich zur Schafstelze haben Gebirgsstelzen einen deutlich längeren Schwanz. Um bis zu 35 % ist der Schwanz auch länger als bei der sonst gleich großen Bachstelze. Mit ihrem Schwanz wippt die Gebirgsstelze ständig und führt ruckartige Bewegungen aus. Oberseits ist die Gebirgsstelze aschgrau bis bräunlichgrau; der Bürzel ist olivgrünlich bis gelblich gefärbt. Der Schwanz ist schwarz und weist weiße Außenkanten auf. Im Flug wird ein weißes Flügelband sichtbar. Während der Brutzeit hat das Männchen eine schwarze Kehle, die im Winter immer weißlich ist. Der lange helle Überaugenstreif ist ganzjährig vorhanden. Das Weibchen hat auch im Prachtkleid nur wenig oder gar kein Schwarz an der Kehle und die Unterseite ist weniger lebhaft gelb als beim Männchen gefärbt.
Durch ein scharfes, metallisches „ziss-ziss“ verrät die Gebirgsstelze ihre Anwesenheit. Dieser Stimmfühlungsruf ähnelt dem der Bachstelze, ist aber, besonders in der Nähe von rauschendem Wasser, durchdringender. Auch der Warnruf am Brutplatz ist scharf und durchdringend und klingt wie „siebzickzick“. Der Reviergesang wird aus Bäumen oder von Hausdächern, auch im Fluge vorgetragen und besteht aus einfachen wiederholten Elementen, die zu Strophen gereiht werden.

Gebirgstelze Weibchen auf Nest

Verbreitung, Bestand und Zugverhalten:
In weiten Teilen Europas kommt die Gebirgsstelze vor. Sie meidet nur Island, den Norden Skandinaviens und den Nordosten Europas. Darüber hinaus ist sie in Teilen Asiens und Nordwest-Afrikas zu finden. In Mitteleuropa ist die Gebirgsstelze ein verbreiteter Brutvogel. In größeren tief gelegenen Tal- und Beckenlandschaften und in großen Teilen der niederländisch-norddeutschen Tiefebene ist sie selten oder fehlend.

Immer wieder kommt es bei dieser Art zu kurzfristigen Bestandsschwankungen. Vor allem nach Kältewintern kann der Bestand stark zurückgehen. In Teilen ihres Verbreitungsgebietes ist die Gebirgsstelze Standvogel, in anderen Teilen (vor allem Richtung Osten) ist sie Kurz- oder Mittel-, mitunter auch Langstreckenzieher. Auch Gebirgsstelzen aus dem gleichen Verbreitungsgebiet können Stand- oder Zugvögel sein. Nach strengen Wintern haben die Zugvögel Vorteile, weil die Verluste auf dem Zug geringer als bei den daheim gebliebenen Vögeln sind, nach milden Wintern sind die Standvögel im Vorteil.
In Dänemark und Südschweden brüteten in den letzten Jahrzehnten etwa 500-1000 Brutpaare, in Deutschland einige Zehntausend und in den Niederlanden etwa 150-200 Paare.

Gebirgsstelze Jungvogel

Biotop und Nahrung:
Auch wenn der Name es vermuten lässt, ist die Gebirgsstelze keineswegs ein reiner Bergvogel. Allerdings lieben diese Stelzen besonders die schnell fließenden Gebirgsbäche und sind von allen Stelzen am stärksten ans Wasser gebunden. In flachen Gegenden halten sich die Vögel am liebsten dort auf, wo das Wasser rauscht, zum Beispiel in der Nähe von Mühlen oder an künstlichen Staustufen. Optimale Biotope sind bewaldete, schattige und schnell fließende Flüsse und Bäche mit Wildbach- und Wildflusscharakter, also Gewässer mit unterschiedlichen Strömungsverhältnissen, Geröllufern und Geschiebe- und Geröllinseln. Dort sind Steilufer zur Nestanlage notwendig. Auch kleine Bäche werden besiedelt, wenn die Uferpartien zur Nahrungssuche geeignet sind. Heute gibt es auch Gebirgsstelzen mitten in den Städten an Wehren, Überläufen und Kanälen. An stehenden Gewässern und sehr langsam fließenden Bächen fehlt die Gebirgsstelze aber in der Regel.
Als Nahrung nehmen die Vögel vor allem am und im Wasser lebende Insekten und deren Larven auf. Dipteren werden in der Brutzeit besonders viel gefangen, auch Eintags-, Köcher- und Steinfliegen sind häufige Beutetiere. Kleintiere wie Spinnen, Hautflügler und Flohkrebse sind weitere nachgewiesene Beutetiere.

Fortpflanzung und Lebenserwartung:
Am Ende des ersten Lebensjahres werden Gebirgsstelzen geschlechtsreif. Die Partner leben in einer monogamen Saisonbeziehung zusammen. Es kommt aufgrund von Reviertreue immer wieder zu mehrjähriger Wiederverpaarung. Die Paarbildung und die Balz finden meistens direkt nach Ankunft am Brutplatz statt. Das Männchen gründet das Revier, der Nistplatz wird von beiden Partnern ausgesucht. Meistens ist der Neststand unmittelbar am Wasser in Löchern, Nischen und Spalten von Felswänden und Mauern, in Uferverbauungen, an Gebäuden, Wehren und Schleusen. Auch eigens für sie konstruierte Nistkästen nehmen Gebirgsstelzen gerne an. Bei mehreren Bruten nacheinander wird das Nest oft mehrmals benutzt, es werden aber auch neue Nester in der Nähe gebaut. Das Nest wird aus Moos, Halmen, Reisern, Laub errichtet und erhält einen Napf aus feineren Teilen des gleichen Materials. Die Mulde wird mit Tierhalmen ausgekleidet und hat einen Durchmesser von 6 cm und eine Tiefe von 40-45 mm. . Das Weibchen baut das Nest, das Männchen beteiligt sich nur an der Materialsuche.
Die mit scharfen feinen Linien gezeichneten rahmfarbenen oder grauen Eier werden frühestens ab Mitte März gelegt. Ein Vollgelege besteht in der Regel aus 4-6 Eiern. Beide Partner bebrüten tagsüber die Eier, nachts brütet nur das Weibchen. Nach 11- 14 Tagen schlüpfen die jungen Gebirgsstelzen innerhalb von 24 Stunden aus den Eiern. In den ersten beiden Lebenstagen werden die Jungen vom Weibchen auch tagsüber gehudert, bis zum 5.-7. Lebenstag nur noch nachts. Nach durchschnittlich 12 Tagen (11- 16 Tagen) werden die Jungen flügge. Wenn das Weibchen mit einer zweiten Brut beginnt, werden die Jungen nur noch vom Männchen bis etwa drei Wochen lang weiter betreut. In der Regel finden zwei Jahresbruten statt, doch kommt es mitunter auch zu drei aufeinander folgenden Bruten.
Die Jungensterblichkeit ist hoch, 60-75 % sterben im ersten Jahr. Der älteste gefundene Ringvogel war mindestens 8 Jahre alt.

Literatur:
Bezzel, Einhard: Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Passeres Singvögel, Wiesbaden.
Glutz und Bauer: Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 10/II- Passeriformes (1.Teil), Wiesbaden.



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Gebirgsstelze

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