Camargue-Pferd

Familie: Pferde (Equidae)
Ordnung: Unpaarhufer (Perisssodactyla)
Klasse Säugetiere (Mammalia)

Autor: Hans-Wilhelm Grömping
Mail: hwgroemping@naturschule.com
Website: http://www.naturschule.com

Dokument: HWG 00179

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Um Missverständnissen vorzubeugen: Auch die Pferde der Camargue sind keine Wildpferde. Allerdings ließ man im Jahre 1974 einen alten Hengst, sieben Stuten und sechs Fohlen auf einer 330 Hektar großen Weide frei und überließ sie sich selbst. Die Weide bestand aus Süßwassersümpfen, aus Grasland und aus Salzsteppen. Im Jahre 1979 waren aus dieser kleinen Herde bereits 71 Tiere geworden.

Mit einer Schulterhöhe von 135 bis 142 cm sind die Camargue-Pferde recht gedrungene und rustikale Pferde und gehören eigentlich zu den Ponys. Die reinrassigen Camarguais haben kurze spitze Ohren, eine kurze und breite Stirn über einem leicht „geramsten“ Nasenbein und einen kurzen Hals, entsprechen also nicht gerade dem Schönheitsideal der meisten Pferdeliebhaber, die sich mehr am englischen Vollblut oder an Arabern erfreuen. Dafür sind die Camarguais, die reinrassigen Camargue-Pferde, unseren Reit- und Freizeit-Pferden an Intelligenz weit überlegen.

Doch die meisten der Pferde, denen man im Süden Frankreichs am Rhone Delta bei Saintes-Maries-de-la-Mer und Le Grau-du-Roi  begegnet und die man überall mieten kann, sind nicht reinrassig. Es sind Mischlinge, die darauf warten, von den Touristen geritten zu werden, sie sind geduldig, gefügig und sicher im Gelände. Fast alle Pferde hier sind weiß, Camarguais sind immer Schimmel und an riesigen Brandmalen links hinten zu erkennen.

Außer an Intelligenz sind sie auch an Körperkräften gewöhnlichen Pferden überlegen. Mit einem Drittel ihres Eigengewichtes dürfen die Pferde ruhig bepackt werden. Einen über 100 kg schweren Reiter können sie nicht nur stundenlang durch schwieriges Sumpfgelände tragen, sondern mit ihm auch lange im flotten Tempo am Strand galoppieren. Dabei geraten die Pferde nicht einmal ins Schwitzen.

Diese Robustheit haben die Pferde ihrem harten Leben zu verdanken. Sie werden gehalten wie früher die Urpferde. Man kümmert sich kaum um sie und betreut sie auch kaum. Tiere, die körperliche Mängel haben, werden ganz unsentimental geschlachtet.

Vielen  Widrigkeiten sind die weißen Pferde im Süden Frankreichs ausgesetzt: Milliardenheere von Mücken können im Sommer über sie herfallen und vor allem die Fohlen in Panik versetzen, harte und kalte Winter mit Temperaturen von bis zu 10 Grad unter Null bringen Nahrungsknappheit mit sich und kalte, stürmische Fallwinde, Mistral genannt, setzen ihnen und allen anderen Bewohnern dieser Region vor allem im Winter heftig zu.

Nicht viel schlechter werden es die Urahnen dieser Pferde gehabt haben, die zu Beginn der Eiszeit immer weiter nach Süden wanderten und von Alpen und Pyrenäen an einer Weiterflucht noch weiter in den Süden gehindert wurden, so im Rhone- Delta blieben und überlebten. Vielleicht waren die mückenverseuchten Sümpfe und Lagunen die einzigen absolut sicheren Orte nicht nur für die Menschen, die dort Zuflucht suchten, sondern auch für die Pferde. Doch zuvor mussten sich die aus den Wäldern und Wiesen des Nordens stammenden Pferde an die Wasserlandschaft des Deltas anpassen, um überhaupt zu überleben.

Eine Körpergröße von 135 cm stellte sich als ideales Maß heraus, breite Hufe und starke Hinterhandmuskeln erwiesen sich als unverzichtbar, um Sumpfzonen zu überwinden. Die Pferde mussten auch lernen, das Maul bis über die Nüstern ins Wasser zu tauchen, denn nur so kamen sie an die eiweißreichen Sprossen von Schilf- und verschiedenen Seggenarten heran, die für sie lebensnotwendig waren.

Im Laufe der Zeit kamen die Pferde um, die nicht immun wurden gegen Entzündungen durch Fliegen- und Mückenstiche sowie Fliegeneier. Auch Tiere, die Wassertiefen nicht richtig einschätzen konnten, starben wie die Tiere, die im Winter keinen ausreichenden Winterpelz bekamen. Die Pferde, die heute in der Camargue leben, haben diese Selektion erfolgreich hinter sich. Kein Reiter braucht Angst zu haben, dass sie die Wassertiefe nicht richtig einschätzen können.

Zur Lebenstüchtigkeit der Camarguais trägt auch bei, dass die Fohlen nicht mit ihren Müttern in Boxen leben, sondern zusammen mit einem Hengst und Stuten in Familien. Die Fohlen kommen übrigens braun oder schwarz zur Welt und verfärben sich erst nach und nach bis sie im Alter von spätestens 6 Jahren schließlich ganz weiß sind.

Die meisten Familien setzen sich aus einem erwachsenen Hengst und ein bis zwei Stuten zusammen und bleiben mehrere Jahre zusammen. Mehrere Familien zusammen bilden eine Großfamilie oder Herde. Zu Kämpfen zwischen Hengsten und unter den Stuten kommt es so gut wie nie, vielleicht weil alle in etwa die gleiche Sprache sprechen und zu einer Rasse gehören. In solchen Familienverbänden aufwachsende Fohlen sind neugierig und unerschrocken und behalten ihren Erkundungsdrang auch als erwachsene Tiere noch bei; wenn man mit dem Auto bei einer Weide anhält, kommen die neugierigen Tiere sofort auf einen zu.

Galoppierende Pferde, die viele für den Inbegriff von Freiheit und Wildheit halten, wird man auch in der Camargue nicht häufig zu sehen bekommen, denn  Pferde galoppieren nur, wenn ihnen gar nichts anderes mehr übrigbleibt, wenn sie sich z.B. vor Raubtieren in Sicherheit bringen müssen. Dafür wird man immer wieder Pferde sehen, die von kleinen Reihern als Aussichtsplätze genutzt werden. Es sind Kuhreiher, die die Camargue für sich als geeigneten Lebensraum entdeckt haben, aber hauptsächlich in Afrika vorkommen. Die Kuhreiher nutzen die Pferde nicht nur als Sitzwarte, sondern helfen ihnen  auch gesund zu bleiben, indem sie Ungeziefer und Parasiten auf ihrer Haut fressen.

Literatur:
HB, Natur Magazin draußen, Heft 37, Camargue- Stuttgart.

Geo, Das neue Bild der Erde- ein Magazin vom Stern, Heft 12/1978, Hamburg.



               
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