Bilsenkraut

Bilsenkraut (Hyoscyamus niger)

Familie: Nachtschattengewächse (Solanaceae)
Klasse: Zweikeimblättrige (Dicotyledoneae)
Unterabteilung: Bedecktsamer (Angiospermae)
Abteilung: Samenpflanzen (Spermatophyta)

Autor: Hans-Wilhelm Grömping
Mail: hwgroemping@naturschule.com
Website: http://www.naturschule.com

Dokument: HWG 00085

siehe auch: Giftpflanzen Arzneipflanzen

► mehr Pflanzen


Misstrauen und Angst soll schon das Äußere des Bilsenkrautes verbreiten. „Kindlein, vom Bilsenkraut genossen habend, toll worden sind, so dass ihre Eltern, der Ursache ungewiss, sie vom bösen Geist besessen glaubten...“ so schrieb der Arzt Mattioli in seinem Kräuterbuch über einen Fall von Bilsenkrautgenuss. Der alte Name des Bilsenkrautes „Tollkraut“ führt in die Zeit der Hexen zurück Diese sollen aus dem Bilsenkraut liebestoll machende Getränke gebraut haben.

Überhaupt gehörte das Bilsenkraut zum Repertoire aller Hexen und Hexenmeister, aller Giftmischer und anderer dunkler Gestalten, wie man in alten Prozessakten nachlesen kann. Bilsenkraut war zum Beispiel auch ein unverzichtbarer Bestandteil einer in mehreren Rezepten überlieferten Hexensalbe, mit der sich die Hexen vor ihrem Ritt auf dem Bocksberg einrieben. Nicht nur Hexen, auch ganz gewöhnliche Mädchen und Frauen machten sich das Bilsenkraut zunutze: Sie erhitzten das Kraut und atmeten die dabei entstandenen Dämpfe ein, um sich so ihre Pupillen zu erweitern und noch verführerischer zu wirken. Diese Praxis soll heute noch in einigen Gegenden Südeuropas verbreitet sein. Wie z.B. der Stechapfel ist auch das Bilsenkraut ein Nachtschattengewächs. Es enthält mehrere stark giftige Alkaloide, findet aber auch arzneiliche Verwendung.

Der Name Bilsenkraut soll von der Stadt Pilsen herrühren. Mitunter wurde dem Bier früher Bilsenkraut zugesetzt. Auf Feldern in der Umgebung der böhmischen Stadt Pilsen zog man das Bilsenkraut zu diesem Zwecke.

Das Bilsenkraut wird bis zu 80 cm hoch. Im oberen Teil ist das stark behaarte Kraut oft sehr verzweigt. Es ist einjährig, mitunter allerdings auch zweijährig und bildet dann im ersten Jahr nur eine Blattrosette aus. Die Blüten sitzen in den Achseln der oberen Blätter und sind schmutziggelb mit violetten Adern. Der Samen ist in einer glockenförmigen Deckelkapsel eingeschlossen. Er ähnelt Mohnkörnern. Mehrere Tausend solcher Samen kann eine einzige Pflanze hervorbringen. In Deutschland ist das Bilsenkraut als Wildpflanze selten geworden und wird in der Roten Liste der gefährdeten Pflanzenarten geführt.

Damit teilt es das Schicksal vieler Ruderalpflanzen. Der Name „ruderal“ leitet sich aus dem Lateinischen (rudus = Schutt, Mörtel, Ruine}ab. Alle Ruderalpflanzen sind an dörfliche Lebensbedingungen angepasst und viele von ihnen kamen erst durch den Menschen nach Mitteleuropa. Man benötigte sie als Heil-, Gift- oder Zuckerpflanze und kultivierte sie. Solche Dorfpflanzen benötigten nährstoffreiche, vor allem stickstoffreiche bis überdüngte Standorte, wie man sie früher an Weg- und Straßenrändern, auf Hof- und Lagerplätzen, auf Schuttplätzen, an Misthaufen, an Kirch- und Friedhöfen oder am Fuß vom Mauern häufig vorfand. Solche „Abfallplätze“ verschwanden in den letzten Jahrzehnten fast überall und mit ihnen auch Ruderalpflanzen wie das Bilsenkraut.



Alle gezeigten Texte und Bilder unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Eine Kopie oder Nutzung ausserhalb des Natur-lexikon.com ist nur nach ausdrücklicher Genehmigung des Autors / Fotografen gestattet. Eine Einbindung der Bilder in fremde Webseiten ist grundsätzlich nicht gestattet. Mit der Nutzung der Website Natur-Lexikon.com stimmen Sie der Nutzung von Cookies und der Bearbeitung der über Sie erhobenen Daten durch Google zu. Weitere Details entnehmen Sie den Informationen zum Datenschutz. Die gezeigten Inhalte dienen der Weiterbildung.

Stechapfel

Natur-Lexikon.com